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Sprachprodukte und Sprachprozesse in der computervermittelten Kommunikation

Autor: Hubert Gorczytza
Fach: Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

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Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2000
Seiten: 132
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 557 KB
Archivnummer: V108420
ISBN (E-Book): 978-3-640-06617-9

Volltext (computergeneriert)

Universit¨at Bielefeld

Magisterarbeit

Fakult¨at f¨

ur Linguistik und Literaturwissenschaft

Sommersemester 2000

Sprachprodukte und Sprachprozesse in der

computervermittelten Kommunikation

vorgelegt von Hubert Gorczytza

im September 2000

Erstgutachter: Dr. habil. Ulrich Dausendsch¨on-Gay

Zweitgutachter: Dr. Ulrich Krafft


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

ii

0 Einleitung

1

0.1

Danksagungen .

4

1 Theorien und empirische Studien zur CMC

5

1.1

Konzeption und Medium sprachlicher ¨

Außerungen

(nach Koch & Oesterreicher 1994) .

7

1.2

Theoretische Modelle zur CMC .

9

1.2.1

Technikdeterministische Modelle .

10

1.2.1.1

Kanalreduktion .

10

1.2.1.2

Fehlen sozialer Hinweisreize .

13

1.2.1.3

Social Information Processing Theory (nach Wal-

ther 1992) .

14

1.2.2

Kulturalistische Modelle zur CMC .

15

1.2.2.1

Simulation und Imagination .

16

1.2.2.2

Digitalisierung .

17

1.2.2.3

Kulturraum .

18

1.2.3

Integrative Modelle .

20

1.2.3.1

Hyperpersonal CMC (nach Walther 1996) . . . .

20

1.2.3.2

Medien¨okologisches Rahmenmodell (nach D¨oring

1999) .

22

1.2.4

Zusammenfassung der Theorien .

25

1.3

Empirische Studien zur Sprache in der CMC .

26

1.3.1

Asynchrone Kommunikation: Emails und Newsgroups . . .

27

1.3.2

Synchrone Kommunikation: Chats und MUDs .

38

1.3.2.1

Begr¨

ußungs- und Verabschiedungssequenzen . . .

40

ii


1.3.2.2

Adressierung der Konversationspartner .

41

1.3.2.3

Sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommuni-

kation .

42

1.3.2.4

Konzeptionelle M¨

undlichkeit und Schriftlichkeit

in der Chat-Kommunikation .

43

1.3.2.5

MUD-Kommunikation .

48

1.3.3

Zusammenfassung der Ergebnisse der Studien .

51

1.4

Zusammenfassung und Schlußfolgerungen .

53

1.4.1

Weiterer Forschungsbedarf .

56

2 Technische Komponenten der CMC

58

2.1

Ein- und Ausgabeger¨ate .

58

2.1.1

Die Tastatur .

59

2.1.2

Der Bildschirm .

62

2.2

Computernetzwerke .

64

2.2.1

Das Betriebssystem Unix .

64

2.2.2

Client-Server-Architektur .

66

2.2.3

Die Protokolle Telnet und TCP/IP .

67

2.2.4

Die Entwicklung des Internet .

69

2.3

Synchrone computervermittelte Kommunikation .

73

2.3.1

Der Unix-Befehl talk .

73

2.3.2

20 Jahre MUD-Entwicklung .

74

2.3.3

Technische Aspekte in MUDs: Parallelen zu Unix .

78

2.3.4

Client-Programme .

81

2.3.5

Kommunikationsm¨oglichkeiten in MUDs .

83

2.3.5.1

Bots .

85

2.3.5.2

Skripte .

87

2.3.6

Chats .

89

2.4

Zusammenfassung .

91

iii


3 Skizze eines theoretischen, methodologischen und technologisch-

en Rahmenkonzeptes zur Gewinnung empirischer Daten

94

3.1

Anwendungskontext: Warum ein MOO? .

97

3.2

M¨ogliche Erkenntnisgewinne 100

3.2.1

Allgemeine und didaktisch-p¨adagogische Erkenntnis-

m¨oglichkeiten 100

3.2.2

Linguistische bzw. konversationsanalytische Erkenntnis-

m¨oglichkeiten 102

3.3

Technische Umsetzung 106

3.3.1

Die Grundarchitektur des Beispielszenarios: Aufbau eines

MOOs mit vollautomatischer Datenerfassung 106

3.3.2

Erweiterungsm¨oglichkeiten der Grundarchitektur: Daten-

verarbeitung und Visualisierung 109

3.4

Forderungen an ein interdisziplin¨ares Rahmenkonzept zur Integra-

tion vielf¨altiger Anwendungs- und Nutzungskontexte der CMC . . 112

4 Schlußbemerkungen

115

Literaturverzeichnis

119

iv


0

Einleitung

Die Bedeutung computervermittelter Kommunikation hat mit der steigenden Po-

pularit¨at des Internet sprunghaft zugenommen und spielt eine immer wichtigere

Rolle in der allt¨aglichen Kommunikation. Das betrifft insbesondere die Kommu-

nikation per Email. Andere Kommunikationsdienste im Internet, die zeitgleiche

Kommunikation erm¨oglichen, werden dagegen noch nicht von einer breiten Mas-

se in Anspruch genommen. Auch wenn sich diese Beschr¨ankung in Bezug auf

Chats durch die konsequente Verbreitung einfach zu bedienender Chat-Varianten

aufzul¨osen scheint, sind die unter dem Namen Multi-User Dungeon (MUD) be-

kannten textbasierten virtuellen Welten sicherlich noch eine versteckte Dom¨ane,

die nicht von einem Massenpublikum frequentiert wird. Die vorliegende Arbeit

hat eine n¨ahere linguistische Betrachtung der computervermittelten Kommuni-

kation im Internet und im besonderen innerhalb der Dienste zum Ziel, die ei-

ne zeitgleiche, schriftliche Kommunikation erm¨oglichen. Es soll versucht werden,

computervermittelte Kommunikation von theoretischer, empirischer und techni-

scher Seite aus zu analysieren. Dabei findet eine erste Ann¨aherung an das Thema

mittels folgender vier Ausgangsfragen statt:

· Wie l¨aßt sich computervermittelte Kommunikation theoretisch beschrei-

ben?

· Welche Auswirkungen hat computervermittelte Kommunikation auf die da-

bei verwendete Sprache?

· Welche technischen Komponenten erm¨oglichen computervermittelte Kom-

munikation und wie manifestiert sich ihr Einfluß auf die Kommunikation?

· Welche M¨oglichkeiten ergeben sich f¨ur weitere Studien zur computerver-

mittelten Kommunikation unter Ber¨

ucksichtigung der Erkenntnisse aus der

Er¨orterung der vorangehenden Fragen?

1


Es soll in der vorliegenden Arbeit ein relativ "enges" Verst¨andnis von com-

putervermittelter Kommunikation nahegelegt werden, das sich auf menschliche

Kommunikation beschr¨ankt, die durch Computersysteme vermittelt wird.1 Com-

putervermittelte Kommunikation oder CMC heißt somit jede zeitgleich (syn-

chron) oder zeitversetzt (asynchron) stattfindende zwischenmenschliche Kom-

munikation, die durch das Medium Computer in schriftlicher Form ¨ubertragen

wird.2

Eine Sichtung der Modellvorstellungen zu computervermittelter Kommunika-

tion -- also der theoretischen ¨

Uberlegungen zur Funktionsweise und systemati-

schen Erfassung der CMC in ihrer Vielfalt und ihren unterschiedlichen Formen --

zeigt, daß gegenw¨artig eine Reihe verschiedener, sich zum Teil erg¨anzender theo-

retischer Konzepte existieren. Kapitel 1 diskutiert diese Modelle, wobei gepr¨

uft

werden soll, in welcher Weise sie ihren G¨

ultigkeitsbereich definieren und ob sie

¨

uber hinreichende empirische Grundlagen verf¨

ugen. Exemplarisch sollen deshalb

im weiteren Verlauf des Kapitels ausgew¨ahlte empirische Studien zur Sprache

in der CMC verglichen werden. Dabei soll insbesondere untersucht werden, wo

sich die schriftlich medialisierte Kommunikation in einer gedachten Matrix von

undlichkeit und Schriftlichkeit verorten l¨aßt.

Kapitel 2 bietet einen ¨

Uberblick ¨uber die bei computervermittelter Kommu-

nikation relevante Technik. Es soll versucht werden, die medial bedingten spezifi-

schen Beschr¨ankungen und zus¨atzlichen Optionen auf einzelne technische Kom-

ponenten zur¨

uckzuf¨

uhren. Dabei werden grundlegende technische Sachverhalte

von Computerperipherie (Tastatur und Bildschirm), Netzwerksystemen (Archi-

tektur, Protokolle und Internet) und den gegenw¨artig verwendeten synchronen

1Synonym zum Begriff "computervermittelte Kommunikation" wird in dieser Arbeit das

Akronym CMC des englischen Pendants computer-mediated communication verwendet, da es

sich zu einer internationalen Bezeichnung f¨

ur computervermittelte Kommunikation entwickelt

hat und auch in Teilen der relevanten deutschsprachigen Literatur verwendet wird.

2Audio- und Video¨ubertragungen spielen in der CMC-Forschung derzeit eine untergeordnete

Rolle und werden daher in der vorliegenden Arbeit nicht ber¨

ucksichtigt.

2


Diensten (MUDs und Chats) erl¨autert. Es soll in diesem Zusammenhang gezeigt

werden, daß vor allen Dingen MUDs Benutzern eine Vielzahl an zus¨atzlichen kom-

munikativen Optionen bereitstellen, deren Auswirkung auf die Kommunikation

empirisch allerdings noch nicht untersucht wurde.

Vor dem Hintergrund der dargestellten technischen Zusammenh¨ange und den

sich ergebenden Desideraten verweist Kapitel 3 auf Bedingungen, unter welchen

quantitative empirische Untersuchungen durchgef¨

uhrt werden k¨onnen: In einem

Beispielszenario soll die Bedeutung eines interdisziplin¨aren theoretischen und

technologischen Rahmens verdeutlicht werden, den bereits Meissner (1999) her-

vorhob. Innerhalb des entworfenen Szenarios wird weiterhin ein methodischer und

technischer Weg aufgezeigt, erstmals den Sprachproduktionsprozeß bei compu-

tervermittelter Kommunikation konversationsanalytisch untersuchen zu k¨onnen.

Dieser Ansatz ist also nicht nur zur "F¨

ullung" empirischer L¨

ucken geeignet, son-

dern kann zu einer Beschreibung computervermittelter Kommunikation mithil-

fe der Kategorien Schriftlichkeit und M¨

undlichkeit unter Ber¨

ucksichtigung der

Schreibprozeßforschung und der m¨

undlichen Sprachproduktionsforschung dien-

lich sein. Somit beschr¨ankt sich die vorliegende Arbeit nicht auf die Herausar-

beitung eines empirischen Problems bei der Untersuchung der Sprache in der

CMC, sondern sie skizziert einen L¨osungsweg, mit dem diesem Problem begegnet

werden kann.

Kapitel 4 faßt die Ergebnisse der Arbeit zusammen und diskutiert die allge-

meine Bedeutung des umfassenden theoretischen methodischen und technologi-

schen Rahmenkonzeptes f¨

ur die theoretische Einordnung der CMC.

Begleitend liegt dieser Arbeit eine CD-ROM bei, die versucht, ein quantita-

tives Problem der Arbeit zu l¨osen: Technische Sachverhalte k¨onnen oft nur skiz-

ziert werden; auf eine Einf¨

uhrung in die Bedienung von MUDs und Chats wird

weitgehend verzichtet. Die CD soll folglich dazu dienen, Lesern durch Links auf

weiterf¨

uhrende Literatur und beigef¨

ugte Anwendungen einen Einstieg in die Ma-

terie zu erleichtern. Das rechtsstehende CD-Symbol verweist auf weiterf¨

uhrende

n

c

e

3


Informationen oder Beispiele auf der CD.3

0.1

Danksagungen

Ich danke Dr. habil. Ulrich Dausendsch¨on-Gay und Dr. Ulrich Krafft f¨

ur hilfrei-

che Anmerkungen und die wissenschaftliche Betreuung bei der Erstellung dieser

Arbeit.

Ich m¨ochte mich bei Prof. Dr. R¨

udiger Weingarten f¨

ur die Bereitstellung zweier

noch unver¨offentlichter Artikel bedanken.

ur Anregungen und Kritik jeder Art m¨ochte ich mich bei Ute Bauer, Harald

Gorczytza, Michael Grote, Frank Meissner, Heidi Schmitt und Olaf Schneider

bedanken.

Mein besonderer Dank gilt Daniel Storbeck f¨

ur seine zahlreichen Inspirationen

und Kritiken.

3Des weiteren ist die aus dem Internet herangezogene Literatur -- sofern es sich um ¨offentlich

zug¨angliche Einzeltexte handelt -- ebenfalls auf der CD gespeichert, um der Gefahr ung¨

ultiger

Links vorzubeugen. Andere Teile der CD k¨onnen nur bei bestehender Internetanbindung genutzt

werden. Eine detaillierte Auflistung der Inhalte sowie eine Einleitung zur CD-ROM befindet

sich in der Datei index.html im Wurzelverzeichnis der CD.

4


1

Theorien und empirische Studien zur CMC

Das folgende Kapitel thematisiert ausgew¨ahlte theoretische und empirische Un-

tersuchungen zu computervermittelter Kommunikation. Dabei sollen unabh¨angig

voneinander4 theoretische ¨

Uberlegungen zur CMC sowie quantitative Studien zur

Sprache in computervermittelten Kommunikationssituationen vorgestellt und dis-

kutiert werden, wobei deutlich gemacht werden soll, daß eine allgemeing¨

ultige

Beurteilung computervermittelter Kommunikation sowohl von theoretischer als

auch von empirischer Seite mit Problemen verbunden ist.

Bei der Sichtung der Sekund¨arliteratur zeigt sich, daß es eine Reihe verschie-

dener, sich zum Teil erg¨anzender Modelle zur CMC gibt, die versuchen, com-

putervermittelte Kommunikation zu erkl¨aren und ihre Folgen f¨

ur die Kommuni-

kation zu beschreiben. Dabei gehen ¨altere theoretische ¨

Uberlegungen von einer

Einschr¨ankung der kommunikativen M¨oglichkeiten der CMC aus. Neuere Mo-

delle dagegen betonen die zus¨atzlichen Optionen, die sich durch die medialen

Bedingungen ergeben, wobei die tats¨achliche Anwendung solch kommunikativer

Optionen -- und somit die Relevanz f¨

ur computervermittelte Kommunikation

-- h¨aufig nur durch Einzelbeispiele und Anekdoten gest¨

utzt ist. Es l¨aßt sich

des weiteren feststellen, daß viele Theorien dazu neigen, ihre durch punktuel-

le Studien unter Laborbedingungen oder Beispiele gewonnenen Erkenntnisse zu

verallgemeinern. Aussagen ¨uber computervermittelte Kommunikation k¨onnen al-

lerdings nicht mit Detailstudien oder Anekdoten begr¨

undet werden: Sie sollten

auf fundierten empirischen Studien aufbauen, die m¨oglichst viele Aspekte der

CMC ber¨

ucksichtigen. Dabei sind klares methodisches Vorgehen sowie eine Be-

schreibung des G¨

ultigkeitsbereiches der Untersuchungen notwendig. Parallel zu

den theoretischen ¨

Uberlegungen beschreibt eine Vielzahl von Publikationen die in

der CMC auftretenden medial bedingten Besonderheiten (wie z.B. Emoticons5,

n

c

e

4Es ist auff¨allig, daß CMC-Theorien in Untersuchungen ¨uber die Formen computervermit-

telter Kommunikation selten rezipiert werden.

5Emoticon setzt sich aus den Begriffen Emotion und Icon zusammen (vgl. Haase et al. 1997:

5


ASCII-Art6 und Akronyme7) und sozialpsychologischen Folgen f¨

ur die Nutzer.

Dabei werden Beispiele angef¨

uhrt, die deutlich einigen fr¨

uhen Modellvorstellun-

gen zur computervermittelten Kommunikation widersprechen.

In der vorliegenden Arbeit sollen insbesondere quantitative Analysen ber¨

uck-

sichtigt werden, da sie eine statistische Einordnung exemplarischer Funde von

Besonderheiten der CMC erlauben. Sie erm¨oglichen somit eine Verortung von

Pauschalaussagen ¨

uber angeblich "typische" computervermittelte Kommunika-

tionsformen. Qualitative Studien sollen keine Ber¨

ucksichtigung finden, zumal spe-

zifische Besonderheiten der CMC bereits intensiv untersucht wurden. Es bietet

sich folglich an, systematische quantitative Studien heranzuziehen und kritisch zu

diskutieren, um verallgemeinernde Aussagen ¨

uber CMC begr¨

unden zu k¨onnen.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird es nicht m¨oglich sein, CMC in ihrer

Gesamtheit zu diskutieren. Es soll daher ein bedeutender Teilbereich, die Spra-

che in der computervermittelten Kommunikationssituation, n¨ahere Betrachtung

finden. Diese Auswahl bietet sich aus folgendem Grund an: Computervermittelte

Kommunikation ist stets schriftlich medialisiert. Eine oberfl¨achliche Betrachtung

zeitgleich stattfindender CMC legt allerdings nahe, daß dort Kommunikation

undlichen Charakters stattfindet. Daraus resultiert wiederum die linguistisch

interessante Frage, wie computervermittelte Kommunikation zwischen den Po-

len M¨

undlichkeit und Schriftlichkeit einzuordnen ist. Bei einem Versuch, diese

Frage n¨aher zu er¨ortern, ergibt sich auch die M¨oglichkeit, computervermittel-

64) und bezeichnet eine Gruppe internetspezifischer Zeichen(konventionen) wie z.B. den Smiley

:-), dessen Ursprung auf das Jahr 1980 zur¨

uckdatiert wird (vgl. Raymond 2000). Alternativ

werden auch die Begriffe Ideogramm (Haase et al. 1997), graphostilistisches Element (Runkehl

et al. 1998) oder Smiley (als ¨

Uberbegriff) verwendet.

6ASCII-Art bezeichnet Bilder, die mit dem ASCII-Zeichensatz erstellt werden (vgl. Fußnote

60 und Fußnote 61). F¨

ur Beispiele vgl. Stark (2000).

7Computervermittelte Kommunikation hat den (nur zum Teil berechtigten, vgl. Kapitel 1.3)

Ruf, durch besonders viele kryptische Abk¨

urzungen (z.B. AFAIK f¨

ur As far as I know) gepr¨agt

zu sein (f¨

ur Beispiele vgl. Haase et al. (1997: 83f.) und Raymond (2000)).

6


te Kommunikation unter dem Gesichtspunkt des Sprachproduktionsprozesses zu

untersuchen.8

Bevor auf die Theorien (Kapitel 1.2) und Studien (Kapitel 1.3) zur CMC

eingegangen wird, werden folglich zun¨achst einige ¨

Uberlegungen zur Abgrenzung

von M¨

undlichkeit und Schriftlichkeit referiert werden (Kapitel 1.1). Die Ergeb-

nisse dieses Kapitels sollen schließlich im Abschnitt 1.4 diskutiert werden.

1.1

Konzeption und Medium sprachlicher ¨

Außerungen

(nach Koch & Oesterreicher 1994)

Computervermittelte Kommunikation ist an das Medium Schrift9 gebunden, und

auch spontane sprachliche Beitr¨age k¨onnen in ihr nur schriftlich erstellt werden.

Daher bietet sich eine Unterscheidung zwischen spontanen schriftlichen Beitr¨agen

an, die in der Face-to-face-Situation m¨

undlich formuliert w¨

urden, und nicht spon-

tan geschriebenen Texten.

Koch & Oesterreicher (1994) betrachten Sprache von ihrer Medialit¨at und

Konzeption her: medial schriftlich bedeutet eine graphische, medial m¨undlich eine

phonische Realisierung sprachlicher ¨

Außerungen. Konzeption dagegen beschreibt

keine dichotome Einteilung, sondern ein Kontinuum, welches von m¨

undlicher

Konzeption ¨

uber verschiedene Mischformen zur schriftlichen Konzeption reicht.10

Beispiele f¨

ur konzeptionelle M¨undlichkeit w¨aren ein famili¨ares Gespr¨ach oder ein

privater Brief. Gesetzestexte oder wissenschaftliche Vortr¨age sind dagegen im Re-

gelfall konzeptionell schriftlich. Auch wenn das Medium keinen direkten Einfluß

8Ein Ansatz zu m¨oglichen Untersuchungen des Sprachproduktionsprozesses in der CMC soll

daher in Kapitel 3 vorgestellt werden.

9Auf ¨

Uberlegungen zu der im Computer vorliegenden digitalen Kodierung von Schrift (dem

Bin¨arcode als "semiotische Universalm¨unze" (Kr¨amer 1998c: 12)) und den daraus resultierenden

Konsequenzen wird in dieser Arbeit nicht eingegangen.

10F¨ur eine Klassifizierung der universalen Aspekte schriftlicher Sprache und Konzeption vgl.

Koch & Oesterreicher (1994: 589ff.).

7


auf die textuelle Konzeption hat, stellen die Autoren fest, "daß einerseits zwi-

schen dem phonischen Medium und konzeptionell m¨

undlichen ¨

Außerungsformen,

andererseits zwischen dem graphischen Medium und konzeptionell schriftlichen

¨

Außerungsformen eine ausgepr¨agte Affinit¨at besteht."11 (Koch & Oesterreicher

1994: 587) Bezugnehmend auf Lyons weisen Koch & Oesterreicher (1994) auf

die grunds¨atzliche M¨oglichkeit hin, "daß Sprache die Eigenschaft hat, nicht an

ein Medium gebunden zu sein" (Lyons 1992: 19), was eine ¨

Ubertragbarkeit von

Sprache in andere Medien bedeutet. So wird die rein mediale ¨

Ubertragung vom

phonischen ins graphische Medium als Verschriftung, der konzeptionelle Transfer

dagegen als Verschriftlichung bezeichnet (Koch & Oesterreicher 1994: 587). Im

weiteren Verlauf der Arbeit wird die in diesem Abschnitt dargestellte Terminolo-

gie ¨ubernommen.

Jegliche sprachliche ¨

Außerung in der CMC ist medial schriftlich. Auch kon-

zeptionell m¨

undliche ¨

Außerungen m¨

ussen medial schriftlich kodiert werden, d.h.

im Sinne von Koch & Oesterreicher (1994) verschriftet werden. Diese mediale

¨

Ubertragung birgt aber Probleme in sich, da die Ausdrucksm¨oglichkeiten der

beiden Medien nicht kongruent sind. Um m¨oglichst viel Bedeutung ins schriftli-

che Medium zu "retten", haben Benutzer der CMC Kommunikationsstrategien

und -formen entwickelt, von denen einige im Verlauf dieses Kapitels vorgestellt

werden sollen.

11Diese Affinit¨at ist auf den Anwendungskontext der beiden Medien zur¨uckzuf¨uhren: Raum-

zeitliche und personale N¨ahe bilden z.B. einen Kontext, in dem konzeptionelle M¨

undlichkeit

auch medial m¨

undlich realisiert wird. Umgekehrte Konstellationen favorisieren eher eine medial

schriftliche ¨

Außerung. Schreiben bzw. die Schriftsprache ist wesentlich st¨arkeren Normen unter-

worfen als m¨

undliche ¨

Außerungen (vgl. Koch & Oesterreicher (1994), Grabowski (1995)). Diese

Normierung ist allerdings die Folge "kanonischer Verwendungskontexte" (Grabowski 1995: 14)

und nicht des Mediums, was nicht zuletzt durch das Aufbrechen dieser schriftlichen Normen in

der CMC belegt werden kann.

8


1.2

Theoretische Modelle zur CMC

Der folgende Abschnitt besch¨aftigt sich mit mehreren theoretischen Modellen zur

computervermittelten Kommunikation. Die verschiedenen Theorien haben unter-

schiedliche Ans¨atze und gehen von unterschiedlichen Voraussetzungen aus: Einige

Modelle betrachten die CMC innerhalb der jeweiligen medialen Umgebung, an-

dere beginnen bereits bei der Medienwahl. Auf eine Diskussion der Theorien zur

Medienwahl soll weitgehend verzichtet werden12, da Fragen der Medienwahl --

also ob und unter welchen Voraussetzungen CMC ¨uberhaupt benutzt wird -- mit

Hilfe des in Kapitel 3 dargestellten Beispielszenarios zur Gewinnung empirischer

Daten nicht untersucht werden k¨onnen.13 Es soll vor allem gezeigt werden, daß

eine Reihe theoretischer Konzepte Ph¨anomene der computervermittelten Kom-

munikation mit oftmals zu d¨

urftigen Belegen zu erkl¨aren versuchen.

Zun¨achst sollen in historischer Reihenfolge die Modelle vorgestellt werden,

die einen Vergleich zwischen computervermittelter Kommunikation und Face-to-

face-Kommunikation anstreben. Dazu geh¨oren Kanalreduktion (Kapitel 1.2.1.1),

Fehlen sozialer Hinweisreize (Kapitel 1.2.1.2) und Social Information Processing

12Ich bin mir der Tatsache bewußt, daß die Wahl des Mediums f¨ur eine die CMC beschreiben-

de Theorie Bedeutung hat (vgl. D¨oring 1999: 244ff.). Die folgende Diskussion einiger Theorien

zur computervermittelten Kommunikation soll lediglich die L¨

ucken im Bereich quantitativer

Studien zur Theoriebest¨atigung zeigen. Dennoch sei hier angemerkt, daß sich die Theorien zur

Medienwahl in drei Gruppen einteilen lassen (nach D¨oring (1999)):

1. Medienwahl durch medienbezogene Faktoren, wie z.B. soziale Pr¨asenz (social presence theory,

vgl. Walther (1992: 54f.)), mediale Reichhaltigkeit (media richness theory, vgl. Walther (1992:

56ff.)) und Kosten (rationale Medienwahl ).

2. Medienwahl durch personenbezogene und interpersonale Faktoren, wie z.B. individuel-

le/kollektive Medienkompetenz und Medieneinstellung (normative Medienwahl ).

3. Beziehungsspezifische Medienwahl durch interpersonale Faktoren, wie z.B. Erreichbarkeit

oder Antwortverhalten (interpersonale Medienwahl ).

13Die in Kapitel 3 skizzierten Rahmenbedingungen f¨ur die Durchf¨uhrung von Studien setzen

bereits eine computervermittelte Kommunikationssituation voraus. Das Medium ist innerhalb

dieser Bedingungen also invariabel.

9


(Kapitel 1.2.1.3). Nach diesen eher an medialen und technischen Komponenten

ausgerichteten Theorien sollen neuere kulturalistische (vgl. D¨oring 1999: 241) Mo-

delle folgen, die weniger vom Medium als vielmehr vom Nutzer der CMC aus-

gehen: Simulation und Imagination (Kapitel 1.2.2.1), Digitalisierung (Kapitel

1.2.2.2) und Kulturraum (Kapitel 1.2.2.3). Die Gliederung folgt in weiten Teilen

einer Klassifizierung nach D¨oring (1999: 209ff.). Am Schluß dieses Abschnitts ste-

hen theoretische ¨

Uberlegungen, die versuchen, technikdeterministische und kul-

turalistische Modelle zu vereinen und die deswegen in der vorliegenden Arbeit

als integrative Modelle bezeichnet werden. Dazu geh¨oren Hyperpersonal CMC

(Kapitel 1.2.3.1) und das medien¨okologische Rahmenmodell (Kapitel 1.2.3.2).

1.2.1

Technikdeterministische Modelle

1.2.1.1

Kanalreduktion

Die fr¨

uhe CMC-Forschung der 80er Jahre ging von der Face-to-face-Kommuni-

kation14 "als Optimum menschlicher Kommunikation" (Rieken 1998: 67) aus.

Computervermittelte Kommunikation verf¨

uge nur ¨uber einen Kommunikations-

kanal (die ¨

Ubermittlung schriftlicher Texte) und sei deswegen als defizit¨ar zu be-

zeichnen. Bedingt durch die Kanalreduktion und die Tatsache, daß CMC auch

mit den r¨aumlichen (es kann ¨

uber Distanz kommuniziert werden) und zeitli-

chen (es kann asynchron kommuniziert werden) Grundeigenschaften der Face-

to-face-Kommunikation bricht, wurde computervermittelte Kommunikation als

unpers¨onlich und aufgabenorientiert bezeichnet (vgl. Walther 1992: 52ff.). Aber

auch Laborstudien (vgl. Rice 1984) konnten zeigen, "dass die [computervermittel-

te] Kommunikation tats¨achlich sachlicher und aufgabenbezogener -- also weniger

emotional -- abl¨auft als in der Face-to-face-Situation" (D¨oring 1999: 211). Dem

widersprechen allerdings zahlreiche Untersuchungen j¨

ungeren Datums: Menschen

14Computervermittelte Kommunikation soll hier nicht im Kontext von Theorien zur Face-to-

face-Kommunikation (wie beispielsweise Rieken 1998) diskutiert werden, da der Vergleich CMC

-- Face-to-face-Situation nur einem Teil der theoretischen Modelle zugrundeliegt.

10


kooperieren erfolgreich im Internet, Freundschaften entstehen, sogar Belege f¨

ur

romantische Beziehungen sind vorhanden (vgl. z.B. D¨oring (2000), Reid (1991),

Turkle (1998)).

Walther (1992) sieht die Ursachen f¨

ur die abweichenden Aussagen in der

schwachen empirischen Datenbasis zur Kanalreduktion. Die meisten Aussagen

wurden mit experimentellen Untersuchungen begr¨

undet, die andere Ergebnisse

zeigen als beispielsweise Feldstudien in "echten" Newsgroups. So wurden viele der

Experimente nur einmalig durchgef¨

uhrt, und es wurde nicht in Betracht gezogen,

daß die Kommunikation per Tastatur einfach mehr Zeit in Anspruch nimmt (vgl.

Kapitel 2.1.1) als Face-to-face-Kommunikation. Sp¨atere Studien (vgl. Walther

1992) konnten belegen, daß die Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen

in der CMC wesentlich l¨anger dauert als bei Face-to-face-Situationen und somit

eine Kurzzeitstudie keine plausiblen Ergebnisse bez¨

uglich pers¨onlicher Kommu-

nikation liefern konnte.

Aber auch theoretisch wurde das Kanalreduktionsmodell nachhaltig kritisiert.

Dabei unterscheidet D¨oring (1999) zwischen schwacher und starker Kritik: Theo-

rien, die behaupten, daß der nonverbale Aspekt der Face-to-face-Kommunikation

in der CMC durch graphische Elemente wie z.B. Emoticons substituiert werden

kann, z¨ahlt sie zu den schwachen Kritiken, da sie fehlende nonverbale Kommuni-

kation im Sinne des Kanalreduktionsmodells als ein kommunikatives Defizit der

CMC bezeichnen, das lediglich kompensiert werden kann. Bei der starken Kri-

tik wird die Grundannahme, daß Face-to-face-Kommunikation eine "optimale"

Kommunikationssituation darstellt, in Frage gestellt. Beispielsweise gelte die Re-

striktion, daß in Gruppen jeweils nur eine Person sprechen kann, f¨

ur die CMC

11


nicht.15 Ebenso werde die Bedeutung nonverbaler Kommunikation ¨

ubersch¨atzt.16

Des weiteren muß in Betracht gezogen werden, daß Face-to-face-Kommunikation

eine Situation ist, die bewußt und meistens nach Absprache hergestellt werden

muß und nicht die h¨aufigste Kommunikationssituation ist. So wertet D¨oring eine

Studie von Auhagen (1991) mit dem Ergebnis aus, daß nur 16% aller Kontakte

zwischen Geschwister- und Freundespaaren Face-to-face-Kontakte sind; gedankli-

che Kontakte (31%), Gespr¨ache ¨

uber die Partner mit Dritten (20%) und telefoni-

sche Kontakte mit den Partnern bzw. Kontaktversuche (20%) sind h¨aufiger, und

schriftliche Kontakte (2%) bzw. sonstige Kontaktformen (3%) spielen kaum eine

Rolle.17 Schließlich vermutet D¨oring (1999) auch, daß eine gewisse Technikphobie

15Durch die technischen Bedingungen in Chats und MUDs (vgl. Kapitel 2.3) k¨onnen gleich-

zeitig vollst¨andige Beitr¨age mehrerer Nutzer ¨

ubermittelt werden. In der Face-to-face-Situation

urde die gleichzeitige Produktion sprachlicher Beitr¨age Kommunikation unm¨oglich machen

(wenn beispielsweise 10 Personen in einem Raum gleichzeitig reden). Bei synchroner computer-

vermittelter Kommunikation gibt es jedoch stets die M¨oglichkeit, Beitr¨age zu seligieren und bei

zu schneller Darstellung auf dem Bildschirm zu einem sp¨ateren Zeitpunkt nachzulesen. Es haben

sich auch Adressierungskonventionen (der Adressatenname wird vor oder hinter die Nachricht

gestellt vgl. Kapitel 1.3.2.2) etabliert, die es Nutzern erm¨oglichen Einzelgespr¨achen innerhalb

eines stark frequentierten MUD-Raumes oder Chat-Kanals folgen zu k¨onnen. F¨

ur eine Liste

weiterer spezifischer Restriktionen der Face-to-face-Situation vgl. D¨oring (1999: 213).

16Walther (1992) bemerkt, daß nonverbale Kommunikationskan¨ale zwar als besonders wichtig

ur die (erfolgreiche) Kommunikation angesehen, aber beim Vergleich von CMC und Face-to-

face-Kommunikation ¨

uberhaupt nicht untersucht wurden. Statt dessen wurden die Vergleiche

anhand von Transkripten der Face-to-face-Kommunikation durchgef¨

uhrt, so daß "the actual

non-verbal messages of face-to-face groups in CMC research have been almost entirely ignored."

(Walther 1992: 63)

17Die Kontakte unterscheiden sich allerdings in ihrer Struktur und ihrem Inhalt. Auhagen

zeigt, daß Hilfe instrumenteller Art h¨aufiger bei pers¨onlichen Kontakten erfolgt. Psychologisch-

emotionale Hilfestellung findet dagegen vermehrt am Telefon statt (vgl. Auhagen 1991: 82f.).

Auch wenn sich daraus vermuten l¨aßt, daß die verschiedenen Kontaktformen bei den Personen

eine unterschiedliche "Wertigkeit" haben, f¨allt auf, daß die Face-to-face-Situation keineswegs

die quantitativ dominante Kommunikationsform ist.

12


Einzug in das Modell gehalten hat:

"Insgesamt krankt das technikdeterministische Kanalreduktions-Mo-

dell daran, dass die Face-to-face-Situation idealisiert wird, man rheto-

risch mit Bedrohungsszenarien arbeitet ("wehe, wenn wir eines Tages

nur noch per Computer kommunizieren..."), unterschiedliche Kom-

munikationsanl¨asse und -bed¨

urfnisse nicht differenziert werden und

Metaphern Ph¨anomenologie ersetzen sollen. [...] Auff¨allig ist auch die

Tendenz kulturpessimistischer Stimmen, der Netzkommunikation ih-

re (tats¨achlichen oder vermeintlichen) Abweichungen von der Face-to-

Face-Kommunikation vorzuwerfen, ohne jedoch ihre zahlreichen ¨

Uber-

einstimmungen mit der (kulturell hochgesch¨atzten) Brief- und Buch-

Kommunikation in die Bewertung miteinzubeziehen." (D¨oring 1999:

213f.)

1.2.1.2

Fehlen sozialer Hinweisreize

Ankn¨

upfend an das Kanalreduktionsmodell wurde versucht, die (sozialen) Konse-

quenzen der geringen Anzahl an Kommunikationskan¨alen in der CMC zu erfassen

und zu erkl¨aren. Dabei analysierte man das Fehlen sozialer (Status-) Merkmale

(social context cues) in der Kommunikationssituation (vgl. Walther 1992: 56).

Die Ergebnisse zeigten positive und negative Eigenschaften des Fehlens sozialer

Hinweisreize. So seien Statusunterschiede in der CMC aufgrund der Anonymit¨at

der Kommunikationspartner nicht erkennbar und f¨

uhrten zu egalit¨aren18 Kom-

18Interessant sind in diesem Zusammenhang die Beitr¨age von Mohr et al. (1997) und

Stegbauer (2000), die auch bei Anonymit¨at der Kommunikationspartner auf hierarchische

(Kommunikations-) Strukturen in Newsgroups und Mailinglisten verweisen. Insbesondere in

Kommunikationskontexten, in denen sich die CMC-Nutzer kennen (z.B. Stamm-Chatter),

k¨onnen sich auch kommunikationsinherente Hierarchien entwickeln. Noch fragw¨

urdiger wird

die Behauptung, wenn man an MUDs denkt, in denen die Entwicklung des Spielercharakters

mit direkter Machtzunahme verbunden ist (vgl. Kapitel 2.3.2).

13


munikationssituationen. Auf der anderen Seite sei aber auch unsoziales Verhalten

zu beklagen:

"The absence of such [social context] cues in CMC leads to increased

excited and uninhibited communication such as "flaming" (insults,

swearing, and hostile, intense language); greater self-absorption versus

other-orientation; and messages reflecting status equalization" (Wal-

ther 1992: 56).

Allerdings m¨

ussen diese Ergebnisse relativiert werden, da andere empirische

Studien zeigen, daß "flaming" ein Randph¨anomen ist (vgl. Mohr et al. (1997)

und D¨oring (1999: 215f.)) und auch die Annahme sozialer Gleichheit im Internet

kritisiert werden kann, da allein der Zugang zum Internet bereits eine erhebliche

soziale H¨

urde darstellt (D¨oring 1999: 215f.).19

1.2.1.3

Social Information Processing Theory (nach Walther 1992)

Walther (1992) geht mit seinem Modell der sozialen Informationsverarbeitung

davon aus, daß die Kanalreduktion keine un¨

uberwindbare H¨

urde darstellt, son-

dern daß ¨

uber den Computer kommunizierende Personen in der Lage sind, die

fehlenden nonverbalen Daten durch entsprechend verschriftete Informationen zu

substituieren. Motor daf¨

ur sei die Tatsache, daß "communicators in CMC, like

other communicators, are driven to develop social relationships" (Walther 1996:

10), was den Austausch sozialer Informationen f¨ordere. Wegen der medialen Be-

schr¨ankung (Tippgeschwindigkeit, Kanalreduktion) dauere der Austausch sozialer

19So haben beispielsweise Menschen aus Nationen, die nicht ¨uber die geeignete Infrastruktur

verf¨

ugen oder eine prohibitive Politik betreiben, einen -- wenn ¨

uberhaupt -- stark erschwerten

Zugang zum Internet. Aber auch individuelle Faktoren, wie Literalit¨at, ein Minimalwissen im

Umgang mit Computern und finanzielle Ressourcen stellen Zugangsh¨

urden dar. Auch wenn die

Aussage, daß der "durchschnittliche" Internetbenutzer m¨annlich, zwischen 20 und 30 Jahre alt

und Nordamerikaner ist, nicht mehr stimmt, handelt es sich bei dem Internet immer noch um

ein Elitemedium und nicht um ein Massenmedium (vgl. D¨oring 1999: 142ff.).

14


Informationen aber wesentlich l¨anger als in der Face-to-face-Kommunikation, da

jede nonverbale Information umkodiert werden m¨

usse (z.B. durch Emoticons).

Am Ende stehe aber vollwertige Kommunikation:

"over time, computer mediation should have very limited effects on

relational communication" (Walther 1992: 80).

Walthers Theorie baut allerdings auf kritisierbaren Grundvoraussetzungen auf. Es

wird nicht immer m¨oglich sein, alle nonverbalen Informationen verbal zu kodieren

(man denke z.B. an Zeitprobleme). Auch stellt die Theorie hohe Anforderungen an

die Kommunikationspartner: Die Nutzer computervermittelter Kommunikation

ussen die technische Kompetenz (Kenntnis der Konventionen) und Motivation

haben, den Austausch sozialer Informationen durchzuf¨

uhren (vgl. D¨oring 1999:

227).

1.2.2

Kulturalistische Modelle zur CMC

Neben den in Kapitel 1.2.1 beschriebenen tendenziell technikdeterministischen

Modellen faßt D¨oring eine weitere Gruppe von Theorien zusammen, die sie als

nutzerzentriert bzw. kulturalistisch bezeichnet. Die Ans¨atze vergleichen compu-

tervermittelte Kommunikation nicht mit Face-to-face-Kommunikation, sondern

versuchen, neue "Handlungs- und Erfahrungsm¨oglichkeiten [...], die der Face-to-

Face-Situation fehlen" (D¨oring 1999: 241), aufzuzeigen. D¨oring (1999) hat aus

einer Vielzahl unterschiedlicher Ans¨atze, die hier nicht im Einzelnen dargestellt

werden k¨onnen (F¨

ur eine Auflistung der dazu jeweils herangezogenen Autoren

vgl. D¨oring (1999: 228ff.)), vier Modelle herauskristallisiert, die sie mit Simula-

tion, Imagination, Digitalisierung und Kulturraum betitelt. Allen vier Theorien

ist gemein, daß sie im Zusammenhang mit Feldstudien entwickelt wurden und

daß noch keine systematischen quantitativen ¨

Uberpr¨

ufungen stattfanden.

15


1.2.2.1

Simulation und Imagination

Die Modelle der Simulation und Imagination bauen ebenfalls auf der oben be-

schriebenen Kanalreduktion auf. Im Gegensatz zum Kanalreduktionsmodell sehen

sie aber durch die rein textuelle Kommunikation neue Freir¨aume f¨

ur die Selbstdar-

stellung (Simulation) bzw. die Partnerrezeption (Imagination). So sei im "k¨orper-

losen" Internet jede Person nur durch ihre eigene Beschreibung bzw. ihre eigenen

¨

Außerungen charakterisiert. Daraus entst¨

unden Selbstdarstellungsm¨oglichkeiten,

die eigentlich nur durch die Phantasie und Glaubensbereitschaft der Kommuni-

zierenden begrenzt seien. Die Beschreibung der psychologischen Folgen solcher

Simulationen bewegen sich zwischen der Chance zur "multiplen Identit¨at" (vgl.

Turkle 1998: 419ff.) (Verwirklichung), der "Cyborgisierung" des Menschen (Wirk-

lichkeitsver¨anderung) und drohendem Realit¨atsverlust (Wirklichkeitszerst¨orung)

(vgl. D¨oring 1999: 232).

Auf der Rezipientenseite dagegen setzen "die fehlenden [audiovisuellen und

anderen] Informationen einen kognitiven Konstruktionsprozeß in Gang [...], der

in besonders starkem Maße von Imagination gepr¨agt ist und der -- je nach

Beziehungs- und Situationskontext sowie aktueller Motivation -- das Bild der

wahrgenommenen Person oftmals in positiver Richtung (entsprechend individu-

ellen W¨

unschen und Pr¨aferenzen), aber zuweilen auch in negativer Richtung (ent-

sprechend den eigenen Aversionen, Vorurteilen) ¨

uberspitzt." (D¨oring 1999: 232).

Diese Imaginationsprozesse in der CMC wurden bisher allerdings noch keiner

systematischen empirischen Analyse unterzogen (vgl. D¨oring 1999: 233).

Die Theorien zur Simulation und Imagination werfen zwar interessante Fra-

gen zum Anwendungskontext der CMC und den daraus resultierenden psycho-

sozialen Folgen auf, bilden aber f¨

ur die (insbesondere sprachlichen) Formen der

synchronen computervermittelten Kommunikation keine hinreichend erkl¨arenden

Modelle. Ebensowenig wird es m¨oglich sein, mit Hilfe des in Kapitel 3 vorge-

schlagenen Beispielszenarios Daten zur ¨

Uberpr¨

ufung dieser Modelle zu erhalten,

weshalb sie im weiteren Verlauf dieser Arbeit vernachl¨assigt werden sollen.

16


1.2.2.2

Digitalisierung

Einen deutlich unterschiedlichen Ansatz verfolgt das Modell der Digitalisierung.

So ist die seit einigen Jahren andauernde Datenexpansion im Internet auf ko-

steng¨

unstige und sehr schnelle Vervielf¨altigungsm¨oglichkeiten digitaler Informa-

tionen zur¨

uckzuf¨

uhren. Das Vorliegen s¨amtlicher (Text-) Daten in digitaler Form

bedingt grunds¨atzlich andere M¨oglichkeiten der Informationsnutzung, des Infor-

mationsaustausches, aber auch ein anderes Textverst¨andnis.20 So ist insbesondere

die M¨oglichkeit hervorzuheben, daß auch prinzipiell asynchrone Kommunikation

praktisch zeitgleich durchgef¨

uhrt werden kann.21 Emails k¨onnen in wenigen Se-

kunden beantwortet und zur¨

uckgeschickt werden. Eine m¨ogliche Folge ist, daß

un¨

uberlegte Mails verschickt werden (vgl. D¨oring 1999: 234f.). Das Digitalisie-

rungsmodell sieht folgende Konsequenzen f¨

ur die CMC:22

20Insbesondere ist hier der Hypertext als neue Textform hervorzuheben, die nicht mit traditio-

nellen Hypertextbegriffen verglichen werden kann (vgl. Landow 1992). Ein neuer Textbegriff --

cypher/TEXT -- wird von Haynes & Holmevik (1998b) f¨

ur die textbasierten MUDs (vgl. Kapi-

tel 2.3.2) ins Spiel gebracht: "We think of it [cypher/TEXT ] as a three-dimensional text, though

not in the conventional physical definition of that phrase. While traditional text can be thought

of as one-dimensional and linear, and hypertext as multidirectional and two-dimensional be-

cause of its ability to link documents, cypher/TEXT adds a third dimension by bringing the

reader/writer actively into the text. In the MOO, the reader is represented through textual

dimension, through textual ethos, pathos, and logos. Thus, readers speak, emote, and think in

several dimensions, but more than that they are a textual dimension in and of themselves."

(Haynes & Holmevik 1998b: 11)

21Es stellt sich folglich die Frage, inwieweit es sich dann noch um eine asynchrone Kom-

munikationssituation handelt. Die Produzentenperspektive ist allerdings ein Kriterium, das zur

Unterscheidung von synchroner und asynchroner Kommunikation herangezogen werden kann:

Beim Verfassen einer Email kann nicht mit einer sofortigen Antwort gerechnet werden (auch

wenn sie innerhalb weniger Sekunden erfolgen kann). Ein Beitrag in einem Chat kann von Rezi-

pienten prinzipiell sofort nach dem Absenden empfangen und beantwortet werden (auch wenn

es Situationen gibt, in denen erst nach geraumer Zeit eine Reaktion erfolgt).

22Andere Konsequenzen, wie beispielsweise die durch die hypertextuelle Struktur und die

Informationsflut im WWW bedingten Ph¨anomene "Lost in Cyberspace" bzw. "Information

17


· Grunds¨atzlich kann die Kommunikation aufgezeichnet werden.23 Asynchro-

ne Kommunikation wird in der Regel vom Mail- oder Newsgroup-Programm

archiviert. Chat- und MUD-Clients (vgl. Kapitel 2.3.4) halten in der Regel

n

c

e

die Kommunikation einer "Sitzung" fest. Das bedeutet, daß sprachliche Pro-

dukte konzeptioneller M¨

undlichkeit nicht prinzipiell "fl¨

uchtig" sind, sondern

zu jedem beliebigen Zeitpunkt "herangezogen" werden k¨onnen.

· Da die Kommunikation mit Hilfe von Computern durchgef¨uhrt wird, ste-

hen auch andere Werkzeuge/Programme des Computers zur Verf¨

ugung. So

k¨onnen Client-Programme (vgl. Kapitel 2.3.4) ganz erhebliche Auswirkun-

gen auf die spontane Sprachproduktion haben. Insbesondere M¨oglichkei-

ten zur instantanen Reproduktion von Text (¨

uber Tastaturk¨

urzel oder das

Kopieren und Einf¨

ugen von Textsegmenten) und Ausf¨

uhrung bestimmter

Befehlssequenzen in MUDs sind hervorzuheben (vgl. Kapitel 2.3.4).

Insgesamt erscheint es sinnvoll, computervermittelte Kommunikation unter dem

Aspekt der Digitalisierung zu betrachten. Allerdings m¨

ußten die Konsequenzen

dieser Theorie n¨aher gepr¨

uft werden. So fehlen bislang vergleichende quantitati-

ve Studien ¨

uber den Einsatz und Gebrauch verschiedener (MUD-/Chat-) Clients.

Solche Programme k¨onnen aber erhebliche Effekte auf computervermittelte Kom-

munikation haben, was in Kapitel 2.3.4 verdeutlicht werden soll.

1.2.2.3

Kulturraum

Das Kulturraum-Modell besch¨aftigt sich prim¨ar mit den Nutzern computerver-

mittelter Kommunikation. Dabei steht die Betrachtung von Computernetzwerken

als potentiellen Kulturr¨aumen im Vordergrund, die Gelegenheit zu Gruppenbil-

dung und -abgrenzung geben. Diese communities zeigen neben unterschiedlichen

Overload" (vgl. D¨oring 1999: 235), k¨onnen hier nicht n¨aher erl¨autert werden.

23Das bei synchroner Kommunikation (Chat/MUD) aufgezeichnete Logfile enth¨alt aber keine

Informationen ¨

uber die zeitliche Abfolge der Sprachproduktion.

18


Interessen auch unterschiedliches Nutzungsverhalten. So verhalten Mudder 24 sich

im Internet anders als beispielsweise Personen, die beruflich das WWW zur Re-

cherche verwenden oder f¨

ur das Internet programmieren: Sie benutzen andere

Dienste (auch wenn einige parallel dazu im WWW surfen) und zeigen auch an-

dere Interaktionsformen, wie z.B. die Kommunikation25 mit anderen, oder das

Spielen und "Bauen" im MUD.

Unterschiedliche Interessen und Kompetenzen (Computer- bzw. Internetkom-

petenz als Machtfaktor) f¨

uhren aber auch zu neuen Ber¨

uhrungspunkten zwischen

Personen (z.B. Newsgroups als Orte f¨

ur Experten-Laien-Kommunikation).

Ein weiteres Ph¨anomen, das das Kulturraum-Modell plausibilisiert, ist die

Tatsache, daß sich im Internet gesellschaftliche Kodizes (Netiquette bzw. "Un-

n

c

e

terkodizes" f¨

ur spezifische Bereiche, z.B. Chatiquette) entwickelt haben, internet-

spezifische Themen in den unterschiedlichsten Communities z.T. heftig diskutiert

(beispielsweise die Debatte um freie Meinungs¨außerung im Internet) und auch

aus dem Netz in andere Medien hinausgetragen werden. Allerdings zeigt sich

auch darin die Heterogenit¨at des Internet: Aktive, gestalterische Teilnahme am

Internet ist auf einen bestimmten Personenkreis beschr¨ankt:

"Damit lassen sich Netzaktive grob in zwei Gruppen einteilen: Ei-

ne Gruppe, die das Internet prim¨ar als funktionales Instrument ver-

steht und eine Gruppe, die das Internet als Kultur- und Lebensraum

begreift, sich f¨

ur Netzbelange einsetzt, netzspezifische Ausdrucksfor-

men und Traditionen pflegt, mehr netzvermittelte Kontakte unterh¨alt

und insgesamt ¨

uber ein gr¨oßeres internet-bezogenes Wissen verf¨

ugt"

24Die Begriffe Mudder und Chatter bezeichnen die Benutzer von MUDs und Chats.

25Meine Vermutung ist, daß in Kommunikationsdiensten, die von bestimmten relativ homo-

genen Gruppen genutzt werden, eigene Kommunikationscharakteristika entstehen. So gibt es

unterschiedliche Adressierungsformen im IRC und Online-Chats (vgl. Kapitel 1.3.2.2). Auch

der individuelle, f¨

ur Außenstehende unverst¨andliche Kommunikationsstil in der Newsgroup de-

vilbunnies (vgl. Runkehl et al. 1998: 68ff.) unterstreicht diese Annahme.

19


(D¨oring 1999: 239).

Das Kulturraum-Modell wirft interessante Fragen und Vermutungen auf, die

allerdings intensiver Untersuchung bed¨

urfen. Im Gegensatz zu Modellvorstel-

lungen, die vor allem durch quantitative Studien belegt oder widerlegt werden

k¨onnen (das gilt insbesondere f¨

ur die tendenziell technikdeterministischen Mo-

delle), bieten sich f¨

ur das Kulturraummodell eher qualitative, ethnographische

Studien an. Vergleichende quantitative Untersuchungen zur Kommunikation in

unterschiedlichen MUDs und Chats (und zwischen den einzelnen Chatdiensten

IRC, Web-Chat, Online-Chat, ICQ) k¨onnen aber durchaus aufschlußreiche Daten

¨

uber sprachliche Unterschiede geben und damit auch die Vermutung unterschied-

licher Kulturr¨aume untermauern.

1.2.3

Integrative Modelle

1.2.3.1

Hyperpersonal CMC (nach Walther 1996)

Vier Jahre nach der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung (vgl. Kapi-

tel 1.2.1.3) revidierte Walther sein Modell und erweiterte es um Elemente der

zuvor dargestellten kulturalistischen Theorien. Auch er l¨oste sich von der Annah-

me, Face-to-face-Kommunikation als Modus optimaler Kommunikation zu be-

trachten, wechselte also von der schwachen zur starken Kritik des Kanalreduk-

tionsmodells (vgl. Kapitel 1.2.1.1). Des weiteren integrierte er die social identity-

deindividuation theory (SIDE) von Lea et al. (1992) und Spears & Lea (1992)26,

die -- ebenso wie die Theorien zur Simulation und Imagination -- die verbesser-

ten M¨oglichkeiten der Selbstdarstellung sowie die tendenziell positivere Partner-

rezeption beschreibt (vgl. Kapitel 1.2.2.1).

Diese Erweiterungen f¨

uhrten seiner Meinung nach auch zu neuen Ergebnissen

bei der Erforschung der computervermittelten Kommunikation. Kognitiv seien die

26Diese beiden Artikel waren mir nicht zug¨anglich, so daß ich die relevanten Informationen

und bibliographischen Angaben aus Walther (1996) ¨

ubernommen habe.

20


Kommunikationspartner entlastet27, da sie nicht st¨andig ihre nonverbale Kom-

munikation steuern m¨

ußten (z.B. Kopfnicken, interessierter Gesichtsausdruck).

Ein anderer Vorteil sei die Kontrollierbarkeit nonverbaler Kommunikation: Da

diese ja -- wenn ¨uberhaupt -- verbalisiert werden m¨

usse, k¨onnten also "verse-

hentliche", affektive Handlungen vermieden werden (vgl. Walther 1996: 20), was

Selbstsicherheit vermitteln k¨onne. Bei asynchroner Kommunikation (Email) kom-

me zus¨atzlich noch der Umstand hinzu, daß durch den fehlenden unmittelbaren

Zugzwang soziale Informationen vermittelt werden k¨onnten, die bei synchroner

Kommunikation aus zeit¨okonomischen Gr¨

unden einer st¨arkeren Aufgabenorien-

tierung zum Opfer fielen (vgl. Walther 1996: 23ff.). Walther (1996) kommt daher

zu dem Schluß, daß computervermittelte Kommunikation in der Lage ist, in ei-

nigen Bereichen (Selbstdarstellungsm¨oglichkeiten, Partnerrezeption) die Face-to-

face-Kommunikation zu ¨

ubertreffen:

"There are several instances in which CMC has surpassed the level of

affection and emotion of parallel FtF [Face-to-Face] interaction. [...]

CMC groups were rated significantly more positive than their FtF

counterparts on several dimensions of intimacy as well as on social

(vs. task) orientation; the CMC groups outperformed, interpersonally

speaking, the FtF groups." (Walther 1996: 17)

Aber auch hier l¨aßt sich anf¨

uhren, daß eine empirische ¨

Uberpr¨

ufung noch fehlt:

Die Erweiterung des ersten Modells baut weitgehend auf z.T. kritisierbaren An-

27Walther (1996: 22f.) behauptet, daß expressive und sensorische Systeme in der compu-

tervermittelten Kommunikationssituation nicht mehr aufrechterhalten werden m¨

ußten, so daß

zus¨atzliche kognitive Ressourcen f¨

ur die Sprachproduktion frei st¨

unden. Diese Vermutung l¨aßt

sich aber nur f¨

ur einen Teil der Face-to-face-Situationen nachvollziehen: Ausschließlich in Kon-

stellationen, in denen Sprecher ihre nonverbalen Handlungen bewußt steuern (z.B. in Pr¨

ufungs-

situationen oder bei Gespr¨achen mit Personen, die subjektiv als besonders angenehm oder

unangenehm empfunden werden, ohne daß der Sprecher diese Haltung verraten m¨ochte), kann

von einer kognitiven Entlastung die Rede sein.

21


nahmen (s.o.) und isolierten Beispielen auf (vgl. Kapitel 1.2.2.1 f¨

ur das Fehlen

systematischer empirischer Daten f¨

ur das Simulations- und Imaginations-Modell).

Einzig die Neuauswertung einer alten Studie (vgl. Walther 1996: 17) hat empiri-

schen Charakter. Auch definiert Walther (1996) den G¨

ultigkeitsbereich f¨

ur sein

Modell nicht n¨aher, stellt also seine Ergebnisse als allgemeing¨

ultig f¨

ur computer-

vermittelte Kommunikation dar, ohne den situativen und personellen Kontext zu

ber¨

ucksichtigen.

1.2.3.2

Medien¨

okologisches Rahmenmodell (nach D¨

oring 1999)

D¨orings Vergleich der relevanten CMC-Theorien m¨

undet in das von ihr entwor-

fene medien¨okologische Rahmenmodell. Dabei stellt sie kein neues theoretisches

Konzept vor, sondern geht einen ¨ahnlichen Weg wie Walther (1996) und versucht

die unterschiedlichen, z.T. scheinbar sich widersprechenden Modelle zu kombi-

nieren: Ihr Modell schließt keine der oben diskutierten Theorien aus, sondern

integriert sie in einem entsprechend weit gefaßten Rahmen.

Im Zentrum steht dabei -- und das ist das Neue an dem Ansatz -- die spezi-

fische Nutzungssituation, die von der medialen Umgebung und dem individuellen

medialen Kommunikationsverhalten determiniert ist. Die mediale Umgebung wie-

derum steht in einem wechselseitigen Verh¨altnis mit der Medienwahl (vgl. Fußno-

te 12). Nutzungssituationen verursachen laut Modell kurzfristige soziale Effekte,

die langfristige soziale Folgen nach sich ziehen k¨onnen.28

Die mediale Umgebung beschreibt die spezifischen "Restriktionen und Op-

tionen f¨

ur das Verhalten und Erleben der Beteiligten", ist also mitentscheidend

daf¨

ur, "wer, wann, wie und mit wem kommunizieren kann" (D¨oring 1999: 246).

Die mediale Umgebung hat somit -- im Gegensatz zum etablierten Begriff "Kom-

munikationskanal", der die ¨

Ubermittlung einer Botschaft durch unterschiedliche

28F¨ur die sozialen Effekte gilt, wie f¨ur die Medienwahl, daß sie nur von marginaler Rele-

vanz f¨

ur die vorliegende Arbeit sind und deswegen bei der folgenden Er¨orterung des Modells

ausgeklammert werden.

22


Codes beschreibt -- auch Einfluß auf die Medienwahl und auf das mediale Kom-

munikationsverhalten (s.u.). Die Merkmale, aus denen sich die mediale Umgebung

zusammensetzt, hat D¨oring (1999) aufgelistet:

· Kosten (Geld, Zeitaufwand)

· Teilnehmerkreis (Anzahl, Zusammensetzung)

· Zeit (zeitgleich, zeitversetzt mit unterschiedlicher Transportge-

schwindigkeit)

· Modalit¨at (sehen, h¨oren, f¨uhlen, riechen, schmecken)

· Code (gesprochene Sprache, Kleidung, M¨obel, Schmuck, Mimik,

Gestik, Proxemik, Handschrift, Maschinenschrift, Grafik, Foto,

Film etc.)

· Raum (Kopr¨asenz, Telepr¨asenz, keine gemeinsame Lokalit¨at)

· Kultur (medienspezifische Normen, Werte, Traditionen, Sprach-

gebr¨auche etc.)

Aus: D¨oring (1999: 246f.).

CMC setzt sich aus diesen unterschiedlichen Merkmalen zusammen, wobei sie kei-

neswegs ein homogenes Gebilde darstellt: Einzig die Modalit¨at (sehen) und der

Code (digitale Maschinenschrift) sind allgemeine Bestandteile computervermit-

telter Kommunikation. Hinsichtlich der anderen Merkmale unterscheiden sich die

situativen Nutzungsm¨oglichkeiten der CMC z.T. erheblich. So haben beispiels-

weise Mudder im Regelfall einen kostenlosen Zugriff auf das Internet; finanziell

w¨are Mudden f¨

ur die meisten Studenten oder Sch¨

uler gar nicht tragbar.29 Aber

auch hinsichtlich der Merkmale Teilnehmerkreis, Zeit, Raum und Kultur lassen

sich Szenarien anf¨

uhren, welche die Heterogenit¨at der medialen Umgebung bele-

gen (z.B. Chatten in einem "gespr¨achigen" Chat vs. Verfassen einer Email an den

29Auf der anderen Seite ist intensives Mudden nur von Personen tragbar, die in der Lage

sind, ausreichend Zeit daf¨

ur zu verwenden.

23


Arbeitgeber). Diese unterscheidenden Merkmale werden allerdings in vielen Un-

tersuchungen zur CMC nicht mitber¨

ucksichtigt, da oft ein Vergleich mit der Face-

to-face-Situation angestrebt wird, so daß "in erster Linie Modalit¨at und Code als

CvK-Merkmale fokussiert werden" (D¨oring 1999: 247). D¨oring (1999) sieht gera-

de im Hinblick auf die unterschiedlichen medialen Umgebungen und zus¨atzlichen

Optionen, die es nicht in der Face-to-face-Situation gibt, Forschungsbedarf:

"Diese zus¨atzlichen Optionen zu explorieren, ist aus pragmatischen

Gr¨

unden (Verbesserung der CvK) sowie aus epistemischen Gr¨

unden

(besseres Verst¨andnis von zwischenmenschlichen Kommunikationspro-

zessen) w¨

unschenswert." (D¨oring 1999: 247)

Das mediale Kommunikationsverhalten umfaßt sowohl die situationsabh¨angige

Auseinandersetzung mit den medienspezifischen Optionen und Restriktionen als

auch deren Aneignung durch die Benutzer (vgl. D¨oring 1999: 247f.). In der compu-

tervermittelten Kommunikation k¨onnen Benutzer sowohl produktiv (z.B. durch

Beitr¨age in einem Chat oder einer Newsgroup) als auch rezeptiv (passives Lesen

von Beitr¨agen, "Surfen" im Internet etc.) agieren. Der individuelle Umgang mit

den Restriktionen und Optionen der medialen Umgebung kann also das mediale

Kommunikationsverhalten der Benutzer determinieren. So k¨onnen -- je nach her-

angezogener Theorie (mit Ausnahme des Kanalreduktionsmodells) -- restringie-

rende Merkmale der medialen Umgebung kompensiert werden (z.B. soziale Infor-

mationsverarbeitung) oder zus¨atzliche Optionen die Kommunikation grunds¨atz-

lich ¨andern und/oder verbessern (z.B. HCMC, Kulturraum) (vgl. D¨oring 1999:

247f.).

D¨orings medien¨okologischem Rahmenmodell (welches hier nur bruchst¨

uck-

haft dargestellt wurde) gelingt es, die unterschiedlichen theoretischen Ans¨atze --

durch einen entsprechend weit gefaßten Rahmen -- zu integrieren. Hervorzuhe-

ben ist vor allem das Bestreben, spezifische Nutzungssituationen in das Modell zu

integrieren, da damit erstmals nutzerspezifische und kontextbezogene Faktoren

24


theoretisch ber¨

ucksichtigt werden.

1.2.4

Zusammenfassung der Theorien

Bei einem Vergleich der vorgestellte Theorien lassen sich zwei Gruppen erkennen:

Zum einen gibt es eine Reihe von Theorien, die einen Vergleich mit der Face-to-

face-Situation anstreben und von einer prinzipiell defizit¨aren CMC sprechen, de-

ren Nachteile aber -- je nach Modell -- kompensiert werden k¨onnen. Zu beachten

ist dabei, daß all diese Theorien auf Datenmaterial aufbauen, das allerdings wegen

der experimentellen Konstellation der Studien nur f¨

ur die spezifischen Situation-

en Relevanz hat. So stellt D¨oring beispielsweise in Frage, "inwieweit Befunde,

die in geschlossenen Computernetzen (z.B. in Betrieben oder in Forschungsla-

bors) gewonnen wurden, auf ¨offentliche, nicht dezidiert aufgabenbezogene und

durch spezifische kulturelle Muster gepr¨agte Kommunikationsszenarien im Inter-

net ¨

ubertragbar sind" (D¨oring 1999: 241).30

Zum anderen gibt es Theorien, die Besonderheiten spezifischer Situationen der

CMC hervorheben, ohne Vergleiche mit der Face-to-face-Situation anzustreben.

Diesen Theorien mangelt es allerdings weitgehend an einer Best¨atigung durch

methodisch klare und quantitative Studien.

Von besonderer Relevanz ist auch der G¨

ultigkeitsbereich der dargestellten

Theorien. Die meisten Modelle neigen dazu, ihre anhand punktueller Studien oder

Exemplaria abgeleiteten Ergebnisse zu generalisieren, ohne den Untersuchungs-

kontext zu ber¨

ucksichtigen. Lediglich D¨orings situationsspezifische Betrachtung

der computervermittelten Kommunikation stellt dahingehend eine Ausnahme

dar.

Es war nicht Ziel dieses Kapitels, einzelne Theorien gegeneinander abzuw¨agen

30So k¨onnen Runkehl et al. (1998) zeigen, daß die in Emails, Newsgroups oder Chats ver-

wendete Sprache stark dom¨anenspezifisch ist und verallgemeinernde Aussagen ¨

uber die Sprache

in computervermittelter Kommunikation problematisch sind. Die Vorstellung dieser Ergebnisse

soll in Kapitel 1.3 erfolgen.

25


oder bestimmte Theorien zu widerlegen. Es wurde allerdings gezeigt, daß es zur

Zeit kein theoretisches Konzept gibt, welches computervermittelte Kommunika-

tion kontext¨

ubergreifend erkl¨aren und gleichzeitig auf empirische Belege zur¨

uck-

greifen kann. Allerdings nimmt das medien¨okologische Rahmenmodell eine Son-

derstellung ein, da es vom situativen Kontext der Kommunikation ausgeht und

somit theoretisch computervermittelte Kommunikation in ihren unterschiedlichen

Facetten beschreiben und erkl¨aren kann. Jedoch ist noch zu pr¨

ufen, inwiefern sich

das Modell durch empirische Studien best¨atigen l¨aßt. Quantitativer Analysen be-

darf es vor allem im Bereich der zus¨atzlichen Optionen der CMC, die von den

kulturalistischen Modellen propagiert werden. Es m¨

ußte im einzelnen gekl¨art wer-

den, ob und wie h¨aufig die zus¨atzlichen M¨oglichkeiten der computervermittelten

Kommunikation ¨

uberhaupt genutzt werden, um die Relevanz der kulturalistischen

Modelle f¨

ur eine theoretische Betrachtung der CMC beurteilen zu k¨onnen. Inso-

fern kann die Frage nach einer theoretischen Beschreibung computervermittelter

Kommunikation zum gegenw¨artigen Zeitpunkt nicht zufriedenstellend beantwor-

tet werden.

Bevor in Kapitel 3 eine Skizze zur Gewinnung von Daten in der synchro-

nen CMC vorgestellt wird, die diesem empirischen Mangel abhelfen soll, werden

zun¨achst bereits vorhandene quantitative Studien zur Sprache in der computer-

vermittelten Kommunikation vorgestellt und diskutiert.

1.3

Empirische Studien zur Sprache in der CMC

Im folgenden sollen ausgew¨ahlte Studien zur Sprache in der computervermittel-

ten Kommunikationssituation dargestellt und verglichen werden. Dabei wurde

quantitativen Analysen der Vorzug gegeben. Grundlegend f¨

ur einige ¨

Uberlegun-

gen des n¨achsten Abschnitts sind die umfangreichen Untersuchungen von Run-

kehl et al. (1998) zur Email-, Newsgroup- und Chat-Kommunikation. Mangels

gen¨

ugender weiterer statistischer Analysen wurden auch Autoren herangezogen,

26


die nur vereinzelt quantitative Aussagen machen. Die meisten dieser Publikatio-

nen haben exemplarisch bestimmte Effekte (wie z.B. die Verwendung von Emo-

ticons, Akronymen und bestimmter Kommunikationspraktiken) der CMC un-

n

c

e

tersucht. Da diese Effekte hinreichend dokumentiert sind, soll es hier vor allem

darum gehen, einige vergleichende Analysen zur in der CMC verwendeten Spra-

che vorzustellen. Dabei f¨allt auf, daß theoretische ¨

Uberlegungen und quantitative

Studien nicht von denselben Personen durchgef¨

uhrt wurden, so daß alle hier her-

angezogenen Autoren eine induktive Herangehensweise gew¨ahlt haben und nicht

explizit auf einem der vorgestellten Modelle aufbauen. Dennoch lassen sich gewis-

se Schlußfolgerungen der Autoren in die bereits er¨orterten Theorien einordnen.

Eine Diskussion zur Relevanz der Studien f¨

ur die theoretischen Modelle soll am

Ende dieses Kapitels erfolgen (vgl. Kapitel 1.4). 31

1.3.1

Asynchrone Kommunikation: Emails und Newsgroups

Asynchrone Kommunikation im Internet wird vor allem von zwei Diensten do-

miniert: Mail (und Mailinglisten) und Newsgroups.32 Per Email kann ein Nutzer

an prinzipiell beliebig viele Adressen (und damit Personen) oder Verteilersyste-

me (Mailinglisten) Nachrichten versenden, Newsgroups dagegen sind in der Regel

¨

offentlich zug¨anglich, werden zentral (auf einem Newsserver) gespeichert und stel-

len Diskussionsforen dar.

Die Sekund¨arliteratur zur Email- und Newsgroup-Kommunikation beschreibt

vor allem die medial bedingten Effekte33 auf die verwendete Sprache. Dabei ste-

31Auf eine technische Beschreibung der einzelnen besprochenen Dienste (Email, Usenet, Chats

und MUDs) wird hier weitgehend verzichtet. F¨

ur eine Einf¨

uhrung in Chats und MUDs und

allgemeinere technische Zusammenh¨ange verweise ich auf Kapitel 2.

32Ich werde an dieser Stelle nicht auf den technischen Aufbau von Emails bzw. Newsgroups

eingehen, da diese Zusammenh¨ange bereits hinreichend von Runkehl et al. (1998), D¨oring

(1999), Haase et al. (1997) und G¨

unther & Wyss (1996) dokumentiert wurden. Zur histori-

schen Entwicklung dieser Dienste vgl. Kapitel 2.2.4.

33Eine Beschreibung der einzelnen Effekte ist im Rahmen dieser Arbeit nicht m¨oglich. Statt

27


hen die Entwicklung von Emoticons, die Verschriftung konzeptionell m¨

undlicher

Beitr¨age und die Fehlerh¨aufigkeit (und -toleranz) im Vordergrund (vgl. Runkehl

et al. 1998: 35f.). Die auftretenden Ph¨anomene werden mit zum Teil zahlreichen

Beispielen dokumentiert34, wobei allerdings quantitative Studien die Ausnahme

sind. Daher entsteht in der Sekund¨arliteratur ein widerspr¨

uchliches Bild ¨

uber die

verwendete Sprache in asynchronen computervermittelten Kommunikationssitua-

tionen:

"Bedingt durch die schnelle Produktionsweise der EMs [Emails] sind

die Texte selten ¨

uberarbeitet und korrigiert, d.h. es finden sich ausge-

sprochen viele Fl¨

uchtigkeitsfehler (Orthographie, Interpunktion, Syn-

tax etc.), wie sie im traditionellen Briefverkehr in dieser H¨aufigkeit

kaum zu finden sind." (G¨

unther & Wyss 1996: 72)

Pansegrau (1997), die insgesamt 25 Emails zur Veranschaulichung heranzieht,

hebt die konzeptionelle M¨

undlichkeit von Emails hervor, wobei sie allerdings

einr¨aumt, daß "die Beschreibung exemplarischer Ph¨anomene f¨

ur die Entwicklung

einer Stilistik [von Emails] nicht ausreichen [kann]" (Pansegrau 1997: 89):

"Bereits die eher schlaglichtartige Pr¨asentation spezifischer Ph¨anome-

ne der E-mail-Kommunikation macht deutlich, daß sich hier ein eigen-

st¨andiger Kommunikationstyp etabliert, dessen Rahmen erst durch

die technologischen Neuerungen gegeben und abgesteckt wurde. [...]

Es konstituiert sich in E-mails eine neue Form von Dialogizit¨at und

sprachlicher Kreativit¨at, die sich an m¨

undlichen Kommunikationssi-

tuationen zu orientieren scheint und sich damit nochmalig von den

Texttypen und -strukturen anderer Formen technisierter Kommuni-

kation unterscheidet." (Pansegrau 1997: 102)

dessen verweise ich auf die relevante Sekund¨arliteratur.

34So verweisen G¨unther & Wyss (1996) auf "¨uber 261 Texte von Privatpersonen und aus

Newsgroups" (G¨

unther & Wyss 1996: Fußnote 1), wobei sie allerdings keine Angaben zur ihrer

Methode der Datenerfassung machen.

28


Dieser durch Emails entstehende "neue Kommunikationstyp" wird auch von G¨

un-

ther & Wyss (1996) proklamiert:

"Mit den E-Mail-Briefen entsteht eine neue Schreibkultur, die sich

durch ihre Schriftlichkeit zwar von der Alltagskommunikation deutlich

abhebt, aber sprechsprachliche Formen mittr¨agt. Diese neue Schreib-

kultur bewegt sich [...] in einem Bereich verschrifteter M¨

undlichkeit

oder m¨

undlicher Schriftlichkeit." (G¨

unther & Wyss 1996: 82)

Diese Schlußfolgerungen werden von Runkehl et al. (1998), die eine empirische

Studie durchgef¨

uhrt haben, wobei sie Emails und Briefe aus m¨oglichst unter-

schiedlichen Anwendungskontexten untersuchen wollten, nachhaltig kritisiert. Ihr

Korpus besteht aus ¨

uber 530 Emails: "100 private E-Mails, in denen die Kom-

munikationspartner freundschaftlich oder verwandtschaftlich verbunden sind, 100

institutionelle Mails, und zwar aus dem universit¨aren Kontext, 100 E-Mails aus

einer Anwaltskanzlei und 100 gesch¨aftliche E-Mails aus einem großen Compu-

terkonzern. Zus¨atzlich zu den 100 privaten Mails liegt uns ein Korpus von ca.

30 langen E-Mails vor, in welchen zwei 15j¨ahrige beginnen, per E-Mail zu kom-

munizieren, und dies ¨uber einen mehrw¨ochigen Zeitraum fortsetzen, sowie ¨uber

50 E-Mails eines Ehepaares, das ¨

uber f¨

unf Wochen und zwei Kontinente hinweg

kommuniziert hat" (Runkehl et al. 1998: 35f.). Zudem wurden noch 50 Junk-

Mails35 untersucht. Das Briefkorpus umfaßt 200 Briefe aus dem universit¨aren

Bereich (100 mit einer Textverarbeitung erstellt, 100 per Schreibmaschine) und

eine nicht n¨aher definierte Zahl von handschriftlichen und am Computer erstell-

ten Briefen der Sch¨

ulerinnen und des Ehepaars. Gesch¨aftsbriefe und Briefe der

Anwaltskanzlei wurden nicht herangezogen, "da das E-Mail-Korpus keine Unter-

35Junk-Mail oder Spam bezeichnet unaufgefordert zugesandte Emails, die meistens Wer-

bezwecken dienen (vgl. Runkehl et al. 1998: 43f.). Bei der folgenden Diskussion der Untersu-

chungsergebnisse wird nicht auf Junk-Mail eingegangen, da in der Regel keine reziproke Kom-

munikationssituation vorhanden ist.

29


schiede in puncto Fehler aufweist (und auch keine sprechsprachlichen Eigenheiten

oder speziellen graphostilistischen Mittel)" (Runkehl et al. 1998: 36).

Die Auswertung36 des Korpus unterscheidet sich erheblich von den oben skiz-

zierten Ergebnissen von G¨

unther & Wyss (1996) und Pansegrau (1997). So sind

70% der Fehler im Email-Korpus tastaturbedingt, "wobei in den privaten Mails

offensichtlich weniger auf Fehler geachtet wird als in den universit¨aren" (Runkehl

et al. 1998: 36). ¨

Ahnliche Divergenzen zwischen universit¨aren und privaten Emails

fanden sie auch bei der Verwendung von Akronymen und Smileys. Sie ziehen dar-

aus die Schlußfolgerung, "daß hinsichtlich Fehler, Groß- und Kleinschreibung so-

wie graphostilistischer Mittel [Emoticons] in E-Mails eine Pauschalaussage nicht

angebracht ist, sondern daß eine Variation nach funktionalen Dom¨anen entlang

des Kontinuums formell -- informell festgestellt werden kann" (Runkehl et al.

1998: 37). Auch in Bezug auf eine "neue Form von Dialogizit¨at und sprachlicher

Kreativit¨at" (s.o.) finden sie keine statistische Best¨atigung von Pansegraus The-

se, auch wenn einzelne Emails des Korpus entsprechende Merkmale aufweisen.37

Die Dialogizit¨at h¨angt ihrer Meinung nach "wesentlich mit der Reply-Funktion

zusammen [...], da hier -- in Analogie zur gesprochenen Sprache -- Teile der

Texte als initiative Z¨

uge begriffen werden k¨onnen, auf die adjazent reagiert wer-

den kann" (Runkehl et al. 1998: 38). Allerdings sei diese Frage-Antwort-Struktur

auch in handschriftlichen Briefen und Argumentationen zu finden. Sie warnen

36Runkehl et al. (1998) haben konsequente Kleinschreibung und Fehler bei Umlauten (ue statt

¨

u, vgl. Kapitel 2.1.1) nicht als Fehler bewertet. Tastaturbedingte Fehler -- wie z.B. Verdreher

(twister, vgl. Kapitel 2.1.1), Anschlagsfehler oder bestimmte fehlerhafte Groß- und Kleinschrei-

bung -- wurden gesondert untersucht.

37Als Beispiel f¨uhren Runkehl et al. (1998: 41) eine Mail an, die voller sprechsprachlicher

Merkmale und graphischer Hervorhebungen ist. Sie f¨

ugen allerdings hinzu, daß das sprachliche

und optische Bild bei den handschriftlichen Briefen der Verfasserin vergleichbar ist und daß

die Integration sprechsprachlicher Elemente "nicht auf den Faktor E-mail in Kontrast zum nor-

malen Brief zur¨

uckzuf¨

uhren [ist], sondern auf die konkrete Schreibpraxis dieser Sch¨

ulerinnen"

(Runkehl et al. 1998: 42).

30


aber auch bei ihren eigenen Ergebnissen vor generalisierenden Interpretationen,

da die Variationen innerhalb der untersuchten Dom¨anen sehr groß seien, so "daß

Verallgemeinerungen nur auf der Basis umfangreicher und detaillierter Untersu-

chungen vorgenommen werden k¨onnen" (Runkehl et al. 1998: 43).

Insgesamt stellen Runkehl et al. (1998) fest, daß anhand ihres Datenmaterials

-- auch wenn sie einr¨aumen, daß es sich nicht um ein repr¨asentatives Korpus

handelt -- die eingangs referierten Thesen von G¨

unther & Wyss (1996) und

Pansegrau (1997) nicht best¨atigt werden k¨onnen. Somit k¨onne auch nicht die Be-

hauptung aufrechterhalten werden, daß Emails eine neue Kommunikationsform

darstellen, da sie im Regelfall lediglich althergebrachte Kommunikationsmedien

partiell substituieren, was nicht auf mediale Restriktionen oder Optionen zur¨

uck-

zuf¨

uhren ist, sondern auf den "statistischen Einsatz":

"Das, was die Internet-Kommunikation (als Neues) bietet, n¨amlich

multimediale Formen in die E-Mail-Kommunikation zu integrieren,

wird kaum oder gar nicht genutzt. Im großen und ganzen folgt die

E-Mail-Kommunikation bisher der klassischen Briefpost: eine Nach-

richt wird verschickt, gelegentlich wird eine Anlage beigef¨

ugt (At-

tachment). Die Schreibmuster folgen den brieflichen Schreibpraxen,

Hypertext-Anwendungen finden wir nur bedingt, allein ¨

uber die Reply-

Funktion werden dialogische Aspekte st¨arker hervorgehoben, da man

direkter und schneller auf einzelne Aspekte antworten kann. Offen-

sichtlich ist die E-Mail-Kommunikation in der Praxis eine auf schnel-

lere Kommunikation reduzierte Briefpost, der sozusagen elektronisch

beschleunigte Brief." (Runkehl et al. 1998: 52)

Etwas anders sieht die Situation in Mailinglisten38 aus. Mailinglisten erlauben

das Verschicken an alle Abonnenten der Liste, so daß einzelne Benutzer mit ih-

ren Nachrichten alle Listenteilnehmer erreichen k¨onnen. Runkehl et al. (1998) --

38F¨ur eine technische Einf¨uhrung in Mailinglisten vgl. Runkehl et al. (1998: 45).

31


die bei Mailinglisten allerdings ¨

uber kein eigenes Korpus verf¨

ugen -- behaupten,

daß ebenso wie bei normalen Emails eine sehr große Varianz zwischen unter-

schiedlichen Listen bestehe. Je nach Liste und individuellen Besonderheiten sei

die "sprachliche Kodierung in Mailing-Listen [...] zwischen den Polen formell --

informell zu sehen, zwischen dem Stil formeller E-Mails einerseits und dem in-

formellen Stil in Newsgroups andererseits" (Runkehl et al. 1998: 49).

Bei der Diskussion der Newsgroup-Kommunikation soll haupts¨achlich auf die

Studien von Runkehl et al. (1998), Mohr et al. (1997) und Haase et al. (1997)

eingegangen werden, wobei es im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht m¨oglich

sein wird, detailliert alle Ergebnisse darzustellen. Im Vordergrund soll die Dis-

kussion der Aspekte Dialogizit¨at, Begr¨

ußungen bzw. Verabschiedungen und das

Auftreten sprechsprachlicher Elemente stehen.

Das umfangreiche Korpus von Runkehl et al. (1998) versucht ein m¨oglichst

breites Spektrum deutschsprachiger Newsgroups aufzunehmen. Dazu w¨ahlten sie

alle deutschsprachigen Newsgroups (de.*) bis zur zweiten Hierarchiestufe.39 Im

M¨arz 1998, als die Untersuchung durchgef¨

uhrt wurde, waren es 155 Newsgroups.

Zur Pr¨

ufung der Dialogizit¨at wurden jeweils die ersten 25 Nachrichten ("Po-

stings") der 155 Newsgroups herangezogen, was einem Gesamtkorpus von 3875

entspricht. F¨

ur eine sprachliche Untersuchung wurden aus den 155 Newsgroups

die 1.,5.,10.,15. und 20. Artikel nach den Parametern "a) Assimilationen, b) Re-

duktionen, c) Interjektionen/Diskurspartikeln/Onomatopoetika, d) Dialektmerk-

male [...] e) nicht-deutsche Begr¨

ußungen bzw. Verabschiedungen (hi, ciao)[...] f)

39Ohne n¨aher auf den Aufbau des Usenets (s. dazu z.B. Runkehl et al. (1998)) eingehen

zu wollen, soll hier angemerkt werden, daß damit alle Newsgroups innerhalb der Stufe de.*.*

gemeint sind, wobei die Asteriske alle in dieser Stufe vorhandenen Newsgroups symbolisieren.

Das Usenet ist thematisch gegliedert; die Hierarchie verl¨auft "von links nach rechts". So be-

zeichnet de.comp.lang.javascript beispielsweise eine deutschsprachige (de) Newsgroup, die sich

mit Computern (comp), genauer gesagt Programmiersprachen (lang), besch¨aftigt und deren

Thema die Skriptsprache Javascript ist.

32


Smileys (:-!), g) Buchstabeniterationen (soooo), h) Abk¨

urzungen aus dem Cy-

berslang (z.B. cu f¨

ur see you oder bb f¨

ur bis bald ) und i) Verbst¨amme (grins,

schmatz ) ausgewertet" (Runkehl et al. 1998: 60).

Mohr et al. (1997) verf¨

ugen ¨

uber ein Korpus von 40 Artikeln (und weiteren

19 Artikeln, die in einer Voruntersuchung zur Kategorienbildung herangezogen

wurden, aber bei der Hauptuntersuchung nicht ausgewertet wurden), die zuf¨allig

aus den (am 24.4.1997) 238 Newsgroups der de.*-Hierarchie ausgew¨ahlt wur-

den. Sie untersuchten die Nachrichten nach formalen (subject-Zeile (Erst-Posting

vs. Antwort), Adresse, Geschlecht, Organisation und Provider) und inhaltlichen

Gesichtspunkten (Quoting, expressive Textelemente, Sprachstil, Themen und Si-

gnaturen).40

Haase et al. (1997) untersuchten insgesamt 131 Beitr¨age der Newsgroups

de.newusers.questions nach sprachlichen Besonderheiten. Die angef¨

uhrten Un-

n

c

e

tersuchungen zeigen in vielen Bereichen relativ kongruente Ergebnisse. Ein her-

vorstechendes Merkmal der Newsgroup-Kommunikation scheinen dialog¨ahnliche

Strukturen zu sein. Sprachlich manifestiert sich die Dialogizit¨at haupts¨achlich

durch das Zitieren ("Quoten") (von Teilen) der Nachricht, auf die Bezug genom-

men wird:

"Dialog¨ahnliche Strukturen, genauer: adjazente Strukturen mit einem

initiativem [sic] Zug und einem oder mehreren reaktiven Z¨

ugen sind

die vorherrschenden Kommunikationsmuster in Newsgroups. Dem re-

aktiven Zug geht in der Regel ein vollst¨andiges oder partielles Quoting

voran [...]. Es ist aber auch die Bezugnahme auf einen Artikel m¨oglich,

ohne ihn zu quoten" (Runkehl et al. 1998: 60).

40Hier muß allerdings angemerkt werden, daß die beiden Untersuchungen nur bedingt ver-

gleichbar sind. Runkehl et al. (1998) haben die einzelnen Newsartikel nach oben genannten

Merkmalen untersucht, Mohr et al. (1997) geben dagegen nur die Gesamtzahl der jeweils aufge-

tauchten Merkmale in allen Newsbeitr¨agen an. Somit liegen bei ihnen keine Angaben dar¨

uber

vor, wie viele Postings ¨

uberhaupt sprachliche Besonderheiten beinhalten.

33


Allerdings sind auch Antworten nicht un¨

ublich, in denen nur durch den Bezug

auf die vorangehende Nachricht ("follow-up") der Sinn erschließbar wird:

Artikel 1: Hallo Leute, ich habe gerade meine Diplomarbeit

¨

uber die Preispolitik der Telekom fertig. Wer sich

daf¨

ur interessiert, dem kann ich die Arbeit als Da-

tei zuschicken.

Viele Gr¨

uße, Stefanie

Artikel 2: Hallo Stefanie, Deine Arbeit interessiert mich. Kannst

Du mir bitte die Datei per E-Mail schicken? Mo-

nika

Artikel 3: ja, mir auch bitte. Danke, Rudolf.

Artikel 4: mir auch, Toni.

Artikel 5: mir auch, Charlotte.

aus: D¨oring (1999: 73).

Runkehl et al. (1998) ermittelten, daß 73% aller Postings auf vorangehende Bei-

tr¨age reagieren. Das deckt sich mit den Ergebnissen von Mohr et al. (1997), bei

denen 70% aller Artikel Antworten sind. Etwas anders sehen die Ergebnisse bei

der H¨aufigkeit von Begr¨

ußungen und Verabschiedungen aus. Sind die Ergebnis-

se bei den Verabschiedungen noch ¨ahnlich (ca. 80% bei Haase et al. (1997: 79),

72,5% bei Mohr et al. (1997), 86% bei Runkehl et al. (1998: 61)), gibt es bei

den Begr¨

ußungen gr¨oßere Unterschiede (ca. 14% bei Haase et al. (1997: 78), 25%

bei Mohr et al. (1997), 34% bei Runkehl et al. (1998: 61)). Diese Abweichun-

gen lassen sich m¨oglicherweise durch das relativ kleine Korpus von Mohr et al.

(1997) erkl¨aren und damit, "daß das News-Korpus von Haase et al. (N=131) al-

lein Postings aus der Newsgroup de.newusers.questions enth¨alt, so daß hier ein

n

c

e

Newsgroup-spezifischer Bias angenommen werden kann." (Runkehl et al. 1998:

62). Eine Untersuchung des Verh¨altnisses zwischen Begr¨

ußungen und Verabschie-

dungen, die allerdings nur von Runkehl et al. (1998) durchgef¨

uhrt wurde, zeigt,

34


"daß das Vorkommen einer Begr¨

ußung das anschließende Vorkommen einer Ver-

abschiedung impliziert: Wenn ein Posting eine Begr¨

ußung enth¨alt, so mit hoher

Wahrscheinlichkeit auch eine Verabschiedung." (Runkehl et al. 1998: 62). Insge-

samt l¨aßt sich also feststellen, daß die Newsgroup-Kommunikation dialog¨ahnlich

aufgebaut ist, wobei die einzelnen Dialoge sich in Threads41 b¨

undeln.

Was die Anteile sprechsprachlicher Elemente angeht, divergieren die Analysen

und Interpretationen allerdings. Mohr et al. (1997) sprechen von "Begr¨

ußungs-

und Verabschiedungsfloskeln, die die Steifheit des traditionellen Schriftverkehrs

gr¨oßtenteils hinter sich lassen. Hallo′, Selber Hallo′ oder Hi′, bzw. Tsch¨

uss′ oder

Ciao′ [sic] sind Beispiele daf¨

ur" (Mohr et al. 1997). Diese Aussage ist meiner

Meinung nach mit einem Verst¨andnis von "traditionellem Schriftverkehr" ver-

bunden, das sich nur auf formelle Schriftst¨

ucke bezieht und beispielsweise Pri-

vatbriefe, wie sie bei der empirischen Untersuchung der Email-Kommunikation

(s.o.) von Runkehl et al. (1998) herangezogen wurden, ausklammert. Allerdings

l¨aßt sich eine gewisse N¨ahe zu konzeptioneller M¨

undlichkeit nicht leugnen, die

aber auch in einem "lockeren Briefstil" nicht ungew¨ohnlich ist. Die Untersuchung

der expressiven Textelemente (dazu wurde zwischen Emoticons, Grafik (ASCII-

Art), Soundw¨ortern, Aktionsw¨ortern, Doppelungen und sonstigem unterschieden)

spricht nicht gerade f¨

ur eine h¨aufige Verwendung sprechsprachlicher Elemente:

"Eine der f¨

ur unsere Erkundungsstudie (Kommunikationsstil im In-

ternet) zentralen Kategorien, die Kategorie expressive Textelemen-

te, war erstaunlich gering besetzt. Setzt man die Gesamtanzahl der

Nennungen (96) in Bezug zu der Anzahl kodierter News (40), erh¨alt

man durchschnittlich 2,4 expressive Textelemente pro News. Dieses

Ergebnis bildet allerdings die Realit¨at nicht korrekt ab [vgl. Fußno-

41Mit Thread (engl. (roter) Faden) wird ein durch ein Posting initiierter Meinungsaustausch

bezeichnet, der alle auf das urspr¨

ungliche Posting reagierenden Beitr¨age umfaßt. Dabei k¨onnen

Diskussionen entstehen, "die oft aus bis zu 100 und mehr Postings bestehen" (Haase et al. 1997:

54).

35


te 40], da es Vielbenutzer/innen gibt, die weit ¨

uber dem errechneten

Durchschnitt liegen, und dann eben auch User, die ¨

uberhaupt keine

expressiven Textelemente verwendeten. Desweiteren ist zu beachten,

daß im Vergleich mit konventioneller Kommunikation selbst nur ein

expressives Element pro News (z.B. ein Emoticon) bereits beachtens-

wert w¨are, da die verwendeten Elemente eine sehr unkonventionelle

Art der schriftlichen Kommunikation darstellen." (Mohr et al. 1997)

Wenn man bedenkt, daß auch hier mit "schriftlicher Kommunikation" nur ein

Teilbereich medialer Schriftlichkeit gemeint zu sein scheint (s.o.), l¨aßt sich aus den

Daten nicht ableiten, daß Newsgroup-Kommunikation deutlich sprechsprachlich

gepr¨agt ist.42 Zu ¨ahnlichen Ergebnissen gelangen Runkehl et al. (1998: 62). Sie

stellen fest, daß "nur ein F¨

unftel aller Postings die untersuchten Merkmale der

gesprochenen Sprache" enth¨alt. Insgesamt treten bei ihnen in 44,6% aller Artikel

eines oder mehrere dieser Merkmale auf, von denen 38,6% aus "nicht-deutschen

Begr¨

ußungen resp. Verabschiedungen, Interjektionen und Diskurspartikeln, Assi-

milationen, Reduktionen und Dialektw¨ortern" (Runkehl et al. 1998: 62) bestehen.

Entsprechend f¨allt ihr Urteil aus:

"Wenn man angesichts der Verteilung der Untersuchungsmerkmale

[s.o.] zudem bedenkt, daß viele der im Durchschnitt kurzen Postings

entweder nur eines der Merkmale oder ganze Merkmalscluster aufwei-

sen, verwundert es angesichts der vorliegenden Analysen doch, daß in

der Literatur der Bezug zur gesprochenen Sprache derart hoch ein-

gesch¨atzt wird. In Postings treten zwar Merkmale der gesprochenen

Sprache auf [...], die Kommunikation ist in erster Linie jedoch schrift-

sprachlich gepr¨agt und weist in der Schriftsprache Besonderheiten

42Anhand der Formulierung "erstaunlich gering" l¨aßt sich auch eine gewisse Ausgangserwar-

tung vermuten, die von wesentlich st¨arkeren Evidenzen f¨

ur sprechsprachliche Elemente ausgeht

(vgl. Fußnote 56).

36


auf, die dem Cyberslang zugeordnet werden [...]. Es handelt sich hier-

bei um Smileys, Akronyme und pr¨adikativ gebrauchte Verbst¨amme."

(Runkehl et al. 1998: 63)

Zusammenfassend l¨aßt sich sagen, daß die empirischen Untersuchungen ¨uber

die Newsgroup-Kommunikation zu relativ ¨ahnlichen Ergebnissen kommen und

man nicht von einer deutlich sprechsprachlichen Stilistik sprechen kann. Die-

se Aussage muß aber im Rahmen einer statistischen Tendenz gesehen werden,

da sich sehr wohl News-Artikel finden, die eindeutig m¨

undlich konzipiert sind

und voller sprechsprachlicher Elemente sind. Ebenso wie bei Emails finden Run-

kehl et al. (1998) auch eine Korrelation zwischen funktionalen Dom¨anen und der

darin verwendeten Sprache. Als Beispiel f¨

uhren sie die auf der Zeichentrickserie

Bugs Bunny beruhende Newsgroup alt.devilbunnies an, die ¨

uber eine ausgefallene

n

c

e

newsgroupspezifische Lexik und eigene Emoticons verf¨

ugt, so daß ein Verstehen

der Postings durch den Argot-Charakter f¨

ur Außenstehende nahezu unm¨oglich

wird, bzw. eine lange Einarbeitungszeit erfordert (f¨

ur einen ¨

Uberlick der spezifi-

schen Konventionen und Beispiele vgl. Runkehl et al. (1998: 68ff.)). Somit spricht

auch bei Newsgroups vieles daf¨

ur, eine situative Betrachtung der Kommunikation

anzustreben:43

"Der spezifische Stil eines geposteten Artikels h¨angt vom Thema der

Newsgroup, von den Intentionen des Schreibers, seinem sozio-kultu-

rellen Hintergrund, vom Quoting und ¨ahnlichem ab. W¨ahrend wir in

den Artikeln aus der Usenet-Administration einen b¨

urokratischen Stil

vorfinden, wird in den Freizeitforen ein eher lockerer, umgangssprach-

licher Schreibstil gepflegt" (Runkehl et al. 1998: 66f.).

43In diesem Zusammenhang w¨are es interessant, Beziehungen zwischen einzelnen Dom¨anen

und der darin verwendeten Sprache zu untersuchen. Newsgroups, die haupts¨achlich dem Aus-

tausch von Sachinformationen dienen, sind aufgrund der Experten-Laien-Konstellation von dis-

kursanalytischem Interesse; Newsgroups, die kommunikative Ereignisse darstellen, interessieren

im Hinblick auf die gebildeten Argots.

37


1.3.2

Synchrone Kommunikation: Chats und MUDs

Ebenso wie bei der asynchronen Kommunikation beschr¨ankt sich die Sekund¨arli-

teratur zur synchronen CMC haupts¨achlich auf die Beschreibung der auftretenden

medial bedingten Ph¨anomene. Quantitative, statistische Auswertungen sind die

Ausnahme, obwohl zum Teil umfangreiche Korpusdaten zugrundeliegen (wie z.B.

bei Sassen (2000)), die allerdings nicht statistisch ausgewertet werden. Ein weite-

res Problem bei der Analyse synchroner CMC sind die zur Untersuchung heran-

gezogenen Dienste. Oft wird lediglich der IRC als (noch) am h¨aufigsten genutzter

Dienst f¨

ur synchrone CMC herangezogen (f¨

ur eine technische Einf¨

uhrung vgl.

Kapitel 2, insbesondere Kapitel 2.3.6 f¨

ur Chats, bzw. Kapitel 2.3.2 f¨

ur MUDs).

Andere Chat-Dienste -- wie beispielsweise der Unix-Befehl talk 44, Web-Chats,

Online-Chats oder ICQ -- werden ebenfalls nicht (Haase et al. (1997), Sassen

(2000), Schmidt (2000)45) oder nur zum Teil (Runkehl et al. (1998) differenzie-

ren zwischen IRC, Online-Chats und Web-Chats) ber¨

ucksichtigt, obwohl sie laut

D¨oring (1999) deutliche Unterschiede aufweisen:

"Diese verschiedenen Chat-Varianten unterscheiden sich in techni-

scher, aber auch in sozialer Hinsicht: Sozial relevant ist einerseits der

zur Verf¨

ugung stehende Satz kommunikationsrelevanter Optionen, an-

dererseits aber auch die Zusammensetzung der jeweils involvierten

Nutzungs-Population." (D¨oring 1999: 95)

Daß die unterschiedliche "Klientel" auch andere sprachliche Mittel verwendet, soll

im Verlauf dieses Kapitels noch gezeigt werden. MUDs werden entweder gar nicht

44Dieser Dienst hat heute allerdings kaum noch Bedeutung (vgl. D¨oring (1999: 95) und Ka-

pitel 2.3.1).

45Die Autoren weisen zwar auf die Existenz von Web-Chats hin, Haase et al. (1997) und

Sassen (2000) beschreiben auch das Kommando talk, differenzieren allerdings nicht in ihrer

sp¨ateren Analyse zwischen den Diensten.

38


erw¨ahnt (vgl. Haase et al. 1997), auf ihren Spielcharakter reduziert46 (Schmidt

2000), oder die bei der Analyse der Chat-Kommunikation erhaltenen Daten wer-

den auf die MUD-Kommunikation ¨

ubertragen (wie z.B. Runkehl et al. 1998:

117ff.). Daher sollen im folgenden nur Untersuchungen zur Chat-Kommunikation

angef¨

uhrt werden. Am Ende des Kapitels soll schließlich n¨aher auf MUDs einge-

gangen werden.

Wie bei der asynchronen CMC greifen Runkehl et al. (1998) auch bei Chats

wieder auf ein großes Korpus zur¨

uck: Sie untersuchten insgesamt 23 Chats (davon

4 aus dem IRC, 5 Web-Chats, 9 Online-Chats, 3 fremdsprachige Chats (2 englisch-

sprachige Online-Chats und ein chinesisches IRC) und zwei moderierte Chats).

Die fremdsprachigen und moderierten Chats dienten prim¨ar dazu, die bei den

anderen 18 Chats gewonnenen Analyseergebnisse auf ihre Allgemeing¨

ultigkeit zu

¨

uberpr¨

ufen.47 Von diesen 18 Chats wurden jeweils 2000 Wortformen herangezo-

gen, wobei jede Zeichenfolge zwischen zwei Leerzeichen als Wortform interpretiert

wurde. Somit verf¨

ugen Runkehl et al. (1998) ¨

uber ein Korpus von 36000 Wortfor-

men, die auf die "Hybridisierung von Kommunikationsformen gesprochener und

geschriebener Sprache zwischen den Polen medialer und konzeptueller M¨

undlich-

keit und Schriftlichkeit [...] in der Chat-Kommunikation" (Runkehl et al. 1998:

84) untersucht wurden. Das von Haase et al. (1997) erstellte Korpus ist ein "ca.

46So behauptet Schmidt (2000), MUDs "sind synchrone, interaktive, textbasierte, compu-

ter¨

ubermittelte (Abenteuer-)Spiele im Internet, bei welchen allerdings das Spiel und nicht die

Konversation im Vordergrund steht." (Schmidt 2000: Fußnote 4). Nicht nur werden dabei die-

jenigen MUDs außer acht gelassen, die keine Spiele sind, sondern f¨

ur andere -- vor allem kom-

munikative -- Zwecke eingesetzt werden (wie z.B. LambdaMOO, MediaMOO und viele andere

TinyMUDs), sondern es wird auch nicht ber¨

ucksichtigt, daß in den Spiele-MUDs die (synchro-

ne) Kommunikation mit durchschnittlich der H¨alfte der eingeloggten Zeit die zeitintensivste

Aktivit¨at der Teilnehmer ist (vgl. D¨oring 1999: 124f.).

47So konnten sie zeigen, daß "auch in einem anderen kulturellen Kontext mit einem anderen

Schriftsystem Grundstrukturen und -muster der Chat-Kommunikation den uns vertrauten nicht

un¨ahnlich sind und daß offensichtlich das durch die USA gepr¨agte Internet einen weitreichenden

Einfluß aus¨

ubt." (Runkehl et al. 1998: 83)

39


500 Zeilen" (Haase et al. 1997: 64) langes IRC-Protokoll, das zur Herausarbei-

tung der Besonderheiten der Chat-Kommunikation diente und nicht quantitativ

analysiert wurde. Sassen (2000) verwendet ein sehr großes Korpus von Logfiles

der IRC-Kan¨ale #germany, #london und #bielefeld mit ca. 450.000 W¨ortern,

von denen 65% (der deutschsprachige Teil) herangezogen wurde. Die Daten von

Schmidt (2000) entstammen "einer Logfiles-Sammlung von IRC-Konversationen

aus englischsprachigen Kan¨alen" (Schmidt 2000: Fußnote 11); weitere Angaben

zum Korpus werden nicht gemacht.48

Die Darstellung der Ergebnisse soll im folgenden auf kurze Vergleiche der Be-

gr¨

ußungs- und Verabschiedungssequenzen, der Adressierung und der sprachlichen

Besonderheiten beschr¨ankt werden. Zuletzt soll -- wie bei der asynchronen Kom-

munikation -- der Frage nachgegangen werden, wie die Chat-Kommunikation im

Kontinuum konzeptioneller M¨

undlichkeit und Schriftlichkeit einzuordnen ist. Die

sozialen Implikationen der Chat-Kommunikation sollen in diesem Rahmen ver-

nachl¨assigt werden.

1.3.2.1

Begr¨

ußungs- und Verabschiedungssequenzen

Die Ergebnisse bzw. Aussagen der herangezogenen Autoren stimmen in vielen

Bereichen ¨uberein. So weisen sie ausnahmslos auf die besondere Bedeutung von

Begr¨

ußungen hin. Laut Runkehl et al. (1998: 93) ist es unm¨oglich, sich ohne Be-

gr¨

ußung in einen Chat einzuschalten, es sei denn, man sei kurze Zeit davor bereits

eingeloggt gewesen oder man kenne die anwesenden Chatter sehr gut. Dabei be-

deute eine Begr¨

ußung nicht automatisch, daß man selbst zur¨

uckgegr¨

ußt w¨

urde:

"Schaltet sich jemand in einen Kanal ein, so wird er meist nur dann begr¨

ußt,

wenn er ein Regular, ein regelm¨aßiger IRC-Teilnehmer auf diesem Kanal ist. Ist

er jedoch den anderen Personen, die sich auf dem Kanal befinden, unbekannt,

48Es soll hier angemerkt werden, daß eine quantitative Analyse nicht Ziel der Arbeiten von

Haase et al. (1997), Sassen (2000) und Schmidt (2000) ist. Sie wird dennoch zur Diskussion

herangezogen, um auf den Forschungsbedarf an statistischen Arbeiten hinzuweisen.

40


so wird er im schlimmsten Fall v¨ollig ignoriert und im besten Fall eher formell

gegr¨

ußt -- im Gegensatz zu den sehr herzlichen Begr¨

ußungen, die Regulars zuteil

werden" (Haase et al. 1997: 78). Begr¨

ußungen treten laut Runkehl et al. (1998:

93ff.) etwa f¨

unf Mal so h¨aufig auf wie Verabschiedungen. Haase et al. (1997) und

Sassen (2000: 92) weisen auf die "phatische Natur" bestimmter Verabschiedungs-

sequenzen hin: Manche Verabschiedungen (z.B. "*Groover ist traurig") sind so

formuliert, daß sie fast immer Reaktionen der anderen Chatter hervorrufen (vgl.

Haase et al. 1997: 79).

1.3.2.2

Adressierung der Konversationspartner

Ein weiteres gemeinsames Ergebnis ist die Hervorhebung spezifischer Strategien

zur Herstellung von Textkoh¨asion. Sobald eine Gespr¨achssituation hergestellt ist,

ussen -- insbesondere in "gespr¨achigen" Kan¨alen oder R¨aumen mit mehr als 20

verschiedenen Personen -- Wege gefunden werden, das Gespr¨ach f¨

ur alle daran

Teilnehmenden verst¨andlich zu gestalten, insbesondere um ¨

Uberlappungen mit

anderen, gleichzeitig stattfindenden Gespr¨achen zu vermeiden. Eine Kommuni-

kationsstrategie ist die direkte Adressierung, die "Voranstellung des adressierten

Nickname oder einer Kurzform dessen vor die eigentliche ¨

Außerung" (Schmidt

2000: 116).49 Sprechen Haase et al. (1997: 67) und Sassen (2000: 94) eben-

falls von einer Voranstellung des Adressaten-Nicknames, stellen Runkehl et al.

(1998: 91f.) fest, daß eine "initiale Adressierung [...] besonders typisch f¨

ur die

IRC-Kommunikation [ist], w¨ahrend im Web-Chat und im Online-Chat die nicht-

initiale einen wesentlich h¨oheren Stellenwert einnimmt". Eine andere Strategie

zur Herstellung einfacherer Kommunikationsstrukturen ist die M¨oglichkeit, pri-

vate, d.h. nur f¨

ur eingeladene Personen sichtbare und betretbare Kan¨ale einzu-

richten, in denen durch andere Teilnehmer ungest¨ort kommuniziert werden kann.

Das kann dazu f¨

uhren, daß im "eigentlichen" Chat praktisch kein Gespr¨ach mehr

49Ein Nickname oder Pseudonym ist der frei gew¨ahlte Name, unter dem ein Chatter im Chat

auftritt (vgl. auch Kapitel 2.3.6).

41


stattfindet, weil sich alle Chatter privat oder ¨

uber die Fl¨

usterfunktion50 unter-

halten (vgl. Sassen 2000: 95).

1.3.2.3

Sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommunikation

Bei der Er¨orterung der sprachlichen Besonderheiten sollen diejenigen Beachtung

finden, zu denen quantitative Analysen vorliegen. Dazu geh¨oren vor allen Din-

gen Emoticons und Akronyme. Laut Runkehl et al. (1998: 97) ist ca. jedes 100.

n

c

e

Wort ein Emoticon. Dabei tritt der Standard-Smiley :-) mit 21% am h¨aufigsten

auf. Die anderen Emoticons sind gr¨oßtenteils Variationen des Smileys (12.6%:

:), 8,6%: ;), 7,5%: :-))), 7,4%: :-)), 6%: ;-), etc.). Haase et al. (1997: 64) finden

in ihrem ca. 500 Zeilen langen Korpus "57 Vorkommen von :), 44 Vorkommen

von :-) und 27 Vorkommen von ;-)", was unter der Ber¨

ucksichtigung der kleinen

Datenmenge den Ergebnissen von Runkehl et al. (1998) zumindest nicht wider-

spricht. Emoticons dienen in der Regel dazu, sprachliche Ausdr¨

ucke emotiv zu

bewerten, z.B. als ironisch zu markieren (vgl. Haase et al. 1997: 64).51 Akronyme

50Die Fl¨usterfunktion (oder Telegrammfunktion bei den Online-Chats, vgl. Runkehl et al.

(1998: 80)) erm¨oglicht ein Gespr¨ach zwischen zwei Chattern, ohne daß die anderen anwesenden

Chatter davon wissen.

51Allerdings differenzieren Runkehl et al. (1998) zwischen drei funktionalen Aspekten von

Smileys:

"Zwei grundlegende Funktionen sind mit dem Gebrauch von Smileys verbunden:

eine expressive, im besonderen emotive Funktion, und eine evaluative. Der Schrei-

ber markiert, wie seine ¨

Außerungen hinsichtlich dieser Dimension durch den Re-

zipienten zu interpretieren sind. Neben diesen beiden Funktionen kommt eine

weitere hinzu, n¨amlich eine kommunikativ-regulative Funktion. Insbesondere in

den Online-Chats gibt es eine Reihe von Begr¨

ußungssequenzen, die durch einen

Smiley markiert sind, ohne daß die Teilnehmer sich weiter kennen m¨

ussen [...] In

dieser Form der rituell-phatischen Kommunikation fungieren Smileys als eine spe-

zifische Art von Adressatenhonorifikation, durch die der Kommunikationsmodus

als positiv-freundschaflich markiert wird." (Runkehl et al. 1998: 98)

42


treten im Korpus von Runkehl et al. (1998) etwa halb so h¨aufig auf wie Emoti-

cons, bilden also immerhin 0,5% aller Wortformen. Das Auftreten ist allerdings

st¨arker chat- und teilnehmerspezifisch als der Gebrauch von Smileys (Runkehl

et al. 1998: 104). " ¨

Uber zwei Drittel aller Akronyme sind Varianten von lol [engl.

laughing out loud(ly)] und g (engl. to grins [sic] >grinsen< [...]), die in der E-Mail-

Kommunikation keine Rolle spielen. Akronyme werden h¨aufig, besonders im IRC,

in Sternchen eingeschlossen (*g*) und so graphisch markiert. Iteration der Akro-

nyme als Intensivierung ist m¨oglich [...], insbesondere g tritt h¨aufiger zweifach

oder dreifach iteriert auf" (Runkehl et al. 1998: 105). Das h¨aufige Auftreten von

lol wird auch von Haase et al. (1997: 71) und Schmidt (2000: 124) betont. Ein wei-

teres, relativ h¨aufig verwendetes Akronym ist ROTFL ("Rolling On The Floor,

Laughing"), das sich sogar in gesteigerten Formen wie ROTFLBTCASTCIIHO

("Rolling On The Floor Laughing, Biting The Carpet And Scaring The Cat If

I Had One") finden l¨aßt (D¨oring 1999: 99ff.). Statistisch gesehen spielen solche

Akronyme aber keine Rolle, was auch D¨oring betont:

"Der Gebrauch von netzspezifischen Akronymen sollte jedoch nicht

¨

ubersch¨atzt werden. ¨

Ahnlich wie bei den Emoticons [...] existieren

auch f¨

ur Akronyme seitenlange Listen, obwohl in der Praxis nur we-

nige Abk¨

urzungen tats¨achlich relevant sind. In der massenmedialen

Darstellung der Netzkommunikation sind Emoticons und Akronyme

wegen ihrer Originalit¨at und ihres Unterhaltungswertes meist ¨

uberre-

pr¨asentiert." (D¨oring 1999: 100)

1.3.2.4

Konzeptionelle M¨

undlichkeit und Schriftlichkeit in der Chat-

Kommunikation

Im Gegensatz zur asynchronen Kommunikation gibt es bei der Chat-Kommuni-

kation deutliche Hinweise auf eine quantitative Relevanz konzeptioneller M¨

und-

lichkeit. So kann die h¨aufige Verwendung von Emoticons als Ersatz f¨

ur verbale

und nonverbale Ausdr¨

ucke gesprochener Sprache gesehen werden: "Das, was im

43


Gespr¨ach Gespr¨achspartikeln und Interjektionen, Prosodie, Mimik und Gestik

funktional leisten, wird im Chat durch Smileys und andere Mittel ausgedr¨

uckt"

(Runkehl et al. 1998: 99). Dieser Ersatz, der von Haase et al. (1997) als emulierte

Prosodie bezeichnet wird, findet sich auch in der Betonung bestimmter Aus-

dr¨

ucke durch Einbettung in Asteriske (s.o.) wieder, wie ein Beispiel aus ihrem

IRC-Korpus zeigt:

<Karin> Horst: Ich habe neulich Theo getroffen.

<Horst> Karin: *DEN* Theo?

aus: Haase et al. (1997: 68).

Runkehl et al. (1998) interpretieren auch das Auftreten von Regionalismen als

"typische ¨

Ubernahmen aus der gesprochenen Sprache" (Runkehl et al. 1998:

103), wobei vorwiegend phonologische oder phonetische Merkmale ¨ubernommen

urden (z.B. kommst =¿kommscht, was =¿wat) (vgl. Runkehl et al. 1998: 103).

Des weiteren stellen sie eine große H¨aufigkeit von Tilgungen (z.B. habe =¿hab,

komme =¿komm) und Assimilationen fest, die zusammen -- wie Emoticons --

ca. 1% der Wortformen im Korpus ausmachen. Die halb so h¨aufig wie Tilgungen

vorkommenden Assimilationen treten vor allem beim es-Pronomen und den Per-

sonalpronomen der 2. Person Singular auf (z.B. war es =¿wars, hast du =¿haste).

Ein weiterer Beleg f¨

ur sprechsprachliche Faktoren sei "ein relativ hoher Gebrauch

umgangssprachlicher Lexik" (Runkehl et al. 1998: 103). Auch die orthographische

Richtigkeit und Zeichensetzung wird nicht konsequent eingehalten. Eher haben

sich andere Konventionen -- wie z.B. Großschreibung als Ersatz f¨

ur "Schreien"

(vgl. Runkehl et al. (1998: 99), Netiquette) und Kleinschreibung aus zeit¨okono-

n

c

e

mischen Gr¨

unden -- etabliert. Runkehl et al. (1998) begr¨

unden das Aufweichen

schriftsprachlicher Normen folgendermaßen:

"W¨ahrend die bisher behandelten graphostilistischen Mittel direk-

te Kodifizierungsmittel sprechsprachlicher Eigenschaften bilden, sind

44


Kleinschreibung und die Aufgabe der konventionellen Zeichensetzung

[...] nur indirekt Abbildungen der gesprochenen Sprache. Wenn Chat-

ten ein schriftlich kodifizierter Modus des Sprechens ist, so k¨onnen

orthographische Konventionen wie Groß- und Kleinschreibung und

Zeichensetzung prinzipiell aufgegeben werden, da die Normen und

Konventionen des schriftlichen Diskurses nicht mehr in ihren strikten

Formen gelten m¨

ussen. Je mehr ein Chat einer umgangssprachlichen

Konversation sich ann¨ahert, desto wahrscheinlicher finden wir eine

konsequente Kleinschreibung, die auch aus zeit¨okonomischen Gr¨

unden

angewendet wird, und die Aufgabe von Satzzeichen, insbesondere von

satzfinalen Zeichen, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Satzbegriff

hier selbst problematisch wird." (Runkehl et al. 1998: 100)

Relativierend f¨

uhren Runkehl et al. (1998) allerdings an, daß die von ihnen un-

tersuchten moderierten Chats "viel konventioneller" (Runkehl et al. 1998: 80)

seien. Die dazu angef¨

uhrten Beispiele (vgl. Runkehl et al. 1998: 81) haben eher

Interview-Charakter, so daß sich zeigt, "daß es sehr unterschiedliche Chats gibt

und daß Pauschalaussagen ¨uber das Chatten, wie man sie all zu h¨aufig findet,

problematisch sind" (Runkehl et al. 1998: 81). Auch Haase et al. (1997) ordnen

die Chat-Kommunikation in den Bereich konzeptioneller M¨

undlichkeit ein, wobei

sie ebenfalls eine situative Abh¨angigkeit betonen:

"Talk und IRC sind gr¨oßtenteils konzeptionell m¨

undlich, wobei --

abh¨angig vom jeweils aktuellen Diskussionsgegenstand -- eine geringe

konzeptionell-schriftliche Komponente vorhanden sein kann." (Haase

et al. 1997: 60)

Haase et al. (1997) f¨

uhren aber weiter aus, daß insbesondere durch die Emoticons

eine neue Schriftlichkeit entstehe, da sie an das Medium Schrift gebunden seien

und "offenbar kein eindeutiges medial-m¨

undliches Pendant" (Haase et al. 1997:

81) besitzen:

45


"Die erw¨ahnten Ideogramme [Emoticons] befinden sich nahe an der

konzeptionellen M¨

undlichkeit, und zwar in einem Bereich, in dem

die eigentliche Schriftsprache als unzureichend empfunden wird. Ideo-

gramme sind an das schriftliche Medium gebunden und finden in der

Schriftsprache schon seit ¨altester Zeit Verwendung; neu ist jedoch ihr

Einsatz im Sinne konzeptioneller M¨

undlichkeit." (Haase et al. 1997:

64f.)

Auch Schmidt (2000) sieht eine untrennbare Verbindung sprech- und schrift-

sprachlicher Elemente:

"Chat-Kommunikation zeichnet sich einerseits durch Interaktivit¨at

bei der Organisation der Kommunikation, Spontaneit¨at, die vor allem

bei Humor deutlich wird, aber auch durch Ungeplantheit der ¨

Auße-

rungsbeitr¨age aus. Die Tendenz, Aspekte einer Face-to-face-Konver-

sation wie Gestik, Mimik, Prosodie und K¨orpersprache in die Chat-

Kommunikation zu integrieren, weist einen deutlichen Verfestigungs-

charakter auf. Andererseits stellen standardsprachliche Rechtschreib-

und Grammatikregeln die allgemeine Grundlage f¨

ur die Kommuni-

kation dar, auch wenn diese h¨aufig mißachtet werden. Die Vielfalt

an Abk¨

urzungen sowie das Auftreten nicht-aussprechbarer Akronyme

weisen auch einen eindeutigen Bezug zur Schriftlichkeit aus" (Schmidt

2000: 125f.).

Schmidt (2000: 126) widerspricht explizit dem Begriff der "neuen Schriftlich-

keit" (s.o.) von Haase et al. (1997), da eine bloße "Verschiebung von m¨

undlichen

¨

Außerungen in ein schriftliches Medium" (Schmidt 2000: 126) die Bedeutung

der Schriftlichkeit f¨

ur die Chat-Kommunikation ignoriere. So werde "gerade auch

mit den schriftlichen und darstellerischen Bestandteilen gespielt" (ibid.). Somit

usse "das neue schriftliche Medium mit allen seinen Einschr¨ankungen" (ibid.)

Ausgangspunkt sein und nicht die Face-to-face-Kommunikation. Schmidt (2000)

46


uhrt deswegen den Begriff der verm¨undlichten Schriftlichkeit52 ein, da dieser

"sowohl die mediale Ausgangsform der Schriftlichkeit, als auch den aktiven Pro-

zess der Miteinbeziehung einer zugrunde liegenden m¨

undlichen Konzeptionalit¨at

sowie einer Synchronit¨at" (ibid.) beinhalte.

Es handelt sich bei diesem scheinbaren Widerspruch vor allen Dingen um eine

Auseinandersetzung um die Begrifflichkeit, denn auch Haase et al. (1997) sprechen

davon, "wie unabh¨angig die Innovation [der Adressierung im Chat (s.o.)] von den

Modellen der Schrift- und Sprechsprache ist" (Haase et al. 1997: 81). Somit l¨osen

sie sich ebenfalls von der Face-to-face-Situation. Das gleiche gilt f¨

ur Sassen:

Aufgrund der medialen Besonderheiten des IRC haben sich f¨

ur die-

se Art der Screen-to-Screen-Interaktion spezifische konversationelle

Praktiken herausgebildet, die einerseits Merkmale m¨

undlicher und

schriftlicher Kommunikation in sich vereinen, andererseits aber auch

mit Innovationen aufwarten, deren Zuordnung zu den althergebrach-

ten Kategorien der M¨

undlichkeit und Schriftlichkeit Probleme berei-

tet." (Sassen 2000: 89)

Es bleibt festzuhalten, daß sich in der computervermittelten Kommunikation ge-

wisse Konventionen und Strategien entwickelt haben, die kein kongruentes ¨

Aqui-

valent in anderen Medien -- sei es in der Schriftsprache oder der gesprochenen

Sprache -- haben. Insbesondere sind hier die zus¨atzlichen Optionen der CMC

(vgl. Kapitel 1.2) wie z.B. Skripte (vgl. Kapitel 2.3.5.2) zu nennen. Daraus lie-

ße sich wiederum ableiten, daß sich gewisse sprachliche Ph¨anomene nicht ohne

weiteres aus einem Medium in andere Medien transferieren lassen. Die daraus

resultierende Problematik f¨

ur die Verortung der computervermittelten Kommu-

nikation w¨

urde aber dann letztendlich in eine Diskussion ¨uber die prinzipielle

Medienunabh¨angigkeit von Sprache (vgl. Koch & Oesterreicher (1994: 587), Ly-

52Von m¨undlicher Schriftlichkeit sprechen auch G¨unther & Wyss (1996: 82) im Zusammen-

hang mit Email-Kommunikation.

47


ons (1992: 19)) m¨

unden, deren Er¨orterung im Rahmen dieser Arbeit nicht m¨oglich

ist.

Zusammenfassend l¨aßt sich sagen, daß es in der Chat-Kommunikation im

Gegensatz zu den asynchronen Diensten statistisch gesehen deutliche Hinweise

auf konzeptionelle M¨

undlichkeit gibt. Ferner l¨aßt sich anhand der Vergleiche mit

den moderierten Chats feststellen, daß die tats¨achliche Kommunikation stark

situations- und kontextabh¨angig ist. Dieser Befund wird auch gest¨

utzt durch die

von Runkehl et al. (1998) gefundenen Unterschiede zwischen IRC, Web-Chat und

Online-Chat, die offensichtlich damit zusammenh¨angen, daß die einzelnen Dienste

von unterschiedliche